Dr. Klaus Heer

Der Bund vom 28. März 2017
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«Ein Leben ausserhalb der gedanklichen Wohlfühlzone»

Mehrere Partner, Pragmatismus und am Puls der Zeit: Ein Besuch beim Stammtisch der Polyamoren in Bern.
VON JULIA RICHTER
Anna* ist mit Peter verheiratet und führt gleichzeitig mit Markus eine Beziehung. Peter hat neben Anna eine zweite Partnerin. Auch Max ist mit zwei verschiedenen Frauen zusammen, Lisa mit zwei Männern. Und Eva ist zwar im Moment Single, hat aber ebenfalls schon Beziehungen geführt, in denen sie gleichzeitig mit mehreren Männern oder Frauen zusammen war.

Anna, Peter, Max, Lisa und Eva sind Menschen, die sich dazu entschieden haben, polyamor zu leben. Das bedeutet, dass sie nicht nur eine, sondern mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führen. Einmal im Monat treffen sich die Polyamoren in Bern zu einem Stammtisch und zeigen sich auf Anfrage des «Bund» sehr offen, Auskunft über ihre Lebensweise zu geben. Eine bunt durchmischte Gruppe von ungefähr zwanzig Personen unterschiedlichen Alters hat sich an diesem Abend zum Poly-Feierabendbier versammelt.

Mit vielen Vorurteilen konfrontiert
Im Gespräch mit den Anwesenden wird schnell deutlich: Es braucht Mut, sich aus dem gängigen Beziehungsmuster der Zweisamkeit zu verabschieden. Denn Menschen, die sich dazu entscheiden, gleichzeitig mit mehreren Partnern zu leben, werden mit Vorurteilen konfrontiert.

Max sagt, dass manche an Saudiarabien, Afghanistan und polygame Ehen denken, wenn sie hören, dass er polyamor lebt. «Die haben überhaupt nichts kapiert», findet er. «Die Leute reagieren schnell negativ, ohne sich die Mühe zu machen zu verstehen.» Das bestätigt auch Lisa. Die häufige Reaktion: «Du spinnst ja, was tust du deinem Mann an?» Dabei basiere alles auf gegenseitigem Einverständnis. «Wir sind keine verrückten Menschen, die nicht genug kriegen können und sich durch die halbe Weltgeschichte schlafen.»

«Mein Mann ist nicht Eigentum»
Hobbys, Beruf, Kinder – und dann noch mehrere Beziehungen: Woher nehmen Polyamore die Zeit, das alles unter einen Hut zu bringen? Was, wenn der Partner pro Jahr nur vier Wochen Ferien hat und drei davon mit seiner Freundin statt mit Ehefrau und Kindern verbringen will? «Da kommt man schon an seine Grenzen», sagt Eva. Auch Anna findet: «Mehr als zwei Partner liegen für mich in meiner momentanen Situation nicht drin.» Prinzipiell sei aber alles eine Frage der guten Einteilung und der Koordination.

Wie geht man damit um, wenn sich der Partner neu verliebt, wenn er mit einer anderen Frau ins Kino geht, mit ihr schläft, mit ihr Zeit verbringt? Der Umgang mit Eifersucht sei lernbar, sagt Eva. Das findet auch Lisa. Sie sei zwar manchmal eifersüchtig – «aber mein Mann ist nicht mein Eigentum».

Meistens habe sie, wenn sie eifersüchtig gewesen sei, gemerkt, dass das etwas mit ihr selbst zu tun hatte: «Eifersucht ist immer mit der Angst verknüpft, zu wenig lustig, zu wenig schön und zu wenig intelligent zu sein.» Eifersucht aus Angst vor dem Vergleich – Max Frisch würde applaudieren.

Ist Polyamorie ein Zukunftsmodell?
Lisa erzählt, dass ihr Mann vor kurzem ohne sie weggefahren sei. Zusammen mit ihrer besten Freundin, mit der er eine Affäre hatte – in den Augen vieler Menschen wohl ein Trennungsgrund. Doch Lisa störte das keineswegs. «Da sind zwei Menschen, die ich gerne mag und die eine schöne Zeit miteinander verbringen.

Was wäre ich für ein Idiot, wenn ich sagen würde, das sei nicht in Ordnung?» Keine Spur von Eifersucht also. Auch Anna, Peter und ihr Freund Markus können problemlos gemeinsam beim Poly-Feierabendbier an einem Tisch sitzen – das habe «tipptopp» Platz nebeneinander, sagt Anna.

Die Scheidungsrate in der Schweiz beträgt über 40 Prozent – eine Zahl, die am Idealbild der monogamen Ehe rüttelt. Ist die polyamore Lebensweise das Patentrezept gegen zerbrechende Ehen? «Vielleicht», sagt Anna. Eine Hochzeit, das Sich-ewige-Treue-Schwören, der Anspruch auf Exklusivität würden einen enormen Druck aufbauen, der durch eine polyamore Beziehung relativiert werde.

Dennoch hält sie die Polyamorie einer monogamen Lebensweise nicht für überlegen. Eva ergänzt, nicht die Form der Beziehung sei entscheidend: «Am wichtigsten ist es, sich selbst mit allen Schattenseiten zu lieben», findet sie. Nur so könnten Beziehungsprobleme – egal ob mono- oder polyamor – gelöst werden.

Zweisamkeit als Lebensglück
Polyamorie als Lösung aller Beziehungsprobleme? Klaus Heer arbeitet seit über vierzig Jahren in Bern als Paartherapeut. Er glaubt nicht an Polyamorie als Wundermittel – im Gegenteil: Er hält sie, genauso wie die Monogamie, für ein «Hochrisikoverhalten». Beide Beziehungsformen seien mit zu hohen Erwartungen überfrachtet. In Bezug auf Polyamorie bestehe zudem häufig keine Einigkeit darüber, «ob eine Öffnung der Beziehung gut tun oder ins Fiasko führen wird».

Dennoch findet auch Heer es erstaunlich, mit welcher Vehemenz am Konzept der monogamen Zweierkiste festgehalten wird. «Mit der Sehnsucht nach Ausschliesslichkeit gehört man paradoxerweise zu überwältigenden Mehrheit aller Paare», sagt er. «Zweisamkeit gilt als Synonym für Lebensglück.» Dabei handle es sich um eine «gedankliche Wohlfühlzone», von der sich die wenigsten lösen könnten. «Das Unbekannte schafft Angst und moralische Enge.»

Heer denkt, dass es viel Zeit braucht, bis sich die Tauglichkeit der Polyamorie im Vergleich zu monogamen Beziehungen erwiesen habe. «Ich denke, dass wir erst in 200 Jahren wissen werden, ob sich das Konzept bewährt», sagt er. In der Zwischenzeit würden Menschen das Modell testen. Damit sind Anna, Lisa, Max, Peter und Eva Pioniere einer Lebens- und Liebesform mit Zukunftspotenzial.
© Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor