Dr. Klaus Heer

Coopzeitung 28. März 2017
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«Fernbeziehung – Hin und weg»

Kein gemeinsamer Alltag, wenig Zweisamkeit. Eine Liebe auf Distanz stellt Paare auf eine harte Probe.

VON NADINE BAUER
Priscila Gonçalves hat die Zeit – und die Welt um sich herum – vergessen. Es sind ihre letzten, innigen Minuten mit Michael. Dabei eilt es gerade sehr. In drei Minuten schliesst der Flughafenzoll. Priscila braucht den Ausreisestempel. Heute. Obwohl ihr Flug erst morgen geht. Heute ist ihr 90. Tag in der Schweiz. Bleibt die Brasilianerin länger im Schengenraum, bekommt sie Probleme bei der erneuten Einreise in die Schweiz.

Liebe braucht keine Sprache
Die Geschichte von Priscila (22) und Michael beginnt im Juni 2016 am berühmtesten Strand Rios, der Copacabana. «Ich war hin und weg», sagt der 26-Jährige über seine erste Begegnung mit der Südländerin. Neun Monate später könnte der Unterschied nicht grösser sein: Es ist grau, nass und kalt beim Stadtbummel durch Zürich, daher sucht das Paar immer wieder die Nähe zueinander. «Obwohl ich damals bloss ein paar Brocken Portugiesisch sprach, fragte ich sie nach ihrer Nummer», erzählt der Investmentbanker weiter. Latinas würden niemals den ersten Schritt machen. «Sie wollen erobert werden.» Zwei Tage lässt Priscila den Schweizer zappeln, dann darf er sie zum Essen ausführen. «Eigentlich wollte ich ja keinen ‹Gringo›, also keinen Ausländer», sagt sie und lacht. «Die machen sich bei uns eine schöne Zeit, dann gehen sie wieder», erklärt sie ihr anfängliches Zögern. Diesbezüglich würden sich die Frauen keine falschen Illusionen machen.

Tatsächlich: Auch Michael schmiedet zu Anfang noch keine konkreten Pläne. Nach den zwei Wochen kehrt er relativ unbeschwert nach Zürich zurück. «Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass mein Herz in Brasilien geblieben ist.» Der Kontakt mit seinem Ferienflirt reisst nicht ab, sondern vertiefft sich via Whatsapp und Skype. «Natürlich war ich mir der grossen räumlichen Distanz bewusst, trotzdem wollte ich sie unbedingt wiedersehen.» Im Oktober fliegt er erneut für knapp drei Wochen nach Rio. «Darüber war ich sehr erleichtert», erklärt Priscila. «Ich verstand seine Rückkehr als Statement für uns und unsere Liebe.»

Der Realist wird zum Träumer
Tatsächlich: Auch Michael schmiedet zu Anfang noch keine konkreten Pläne. Nach den zwei Wochen kehrt er relativ unbeschwert nach Zürich zurück. «Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass mein Herz in Brasilien geblieben ist.» Der Kontakt mit seinem Ferienflirt reisst nicht ab, sondern vertieft sich via Whatsapp und Skype. «Natürlich war ich mir der grossen räumlichen Distanz bewusst, trotzdem wollte ich sie unbedingt wiedersehen.» Im Oktober fliegt er erneut für knapp drei Wochen nach Rio. «Darüber war ich sehr erleichtert», erklärt Priscila. «Ich verstand seine Rückkehr als Statement für uns und unsere Liebe.»

Es ist, was es ist
Wo die Liebe hinfällt, darauf haben wir nicht immer Einfluss. «Die Wucht der Liebe ist oft viel mächtiger als alle Vernunft», sagt Klaus Heer, der seit über 40 Jahren als Paartherapeut tätig ist. «So kommen ‹unvernünftige› Entscheidungen zustande, die nicht einmal den Betroffenen klar sind.» Und eigentlich ganz egal, ob neun oder eben 9000 Kilometer: «Genau genommen lebt jedes Paar, das nicht gemeinsam unter einem Dach lebt, in einer Fernbeziehung», so Heer. Doch aus konventioneller Sicht gilt natürlich: je grösser die Distanz, desto grösser das Handicap für die Liebe.

Wenn es um sein Glück geht, fackelt Michael nicht lange. Zum zweiten Mal zurück aus Rio, zieht er zuhause aus, mietet sich eine Wohnung – und bucht seiner Liebsten nach Absprache einen Flug in die Schweiz! Obwohl der Praktikant ja eigentlich aufs Geld schauen müsste. «Die Liebe ist eben ein grosses Paradox», erklärt Heer. «Sie zieht uns mächtig zueinander hin, wenn wir Flugstunden voneinander getrennt sind.» Das Sehnen könne beinah unerträglich und schmerzhaft werden. «Wenn man eine zu lange Pause macht, kommt die Beziehung ins Stocken», ist sich Michael sicher. Und Priscila steht seiner Spontaneität in nichts nach: Sie kündigt ihren Bürojob, beantragt einen Reisepass und kommt vier Wochen später – mit einer schriftlichen Einladung – in der Schweiz an. «Es war bitterkalt und ich habe zum ersten Mal Schnee gesehen», erinnert sie sich fröstelnd an die Minusgrade. «Aber null sind besser als 40 Grad! Und gegen Kälte kann ich mich schützen.» In Brasilien teile sie sich mit ihren Eltern eine einfache Wohnung ohne Klimaanlage. «Vor der Hitze zu fliehen ist dort schlichtweg unmöglich.»
Anschmiegsam, feurig, stolz – Südamerikanerinnen werden Attribute zugesprochen, die europäischen Frauen angeblich fehlen sollen. «Unsere Beziehung mag einigen vielleicht klischeehaft vorkommen», räumt Michael ein. «Ich finde es aber völlig in Ordnung, wenn man seine Partnerwahl auch aufgrund der optischen Vorlieben trift .» Priscila sieht das ähnlich. Michael verkörpere mit seinen hellen Haaren und Augen eine ganz eigene Art von Schönheit. «Ausserdem ist er kein machoider brasilianischer Gockel, der unehrlich ist und mehrere Frauen gleichzeitig hat.»

«Ich verstehe kein Wort»
Neunzig gemeinsame Tage können, müssen aber nicht lang sein. «Angst, dass es zwischen uns nicht funktionieren könnte, hatte ich keine», sagt Michael und fasst nach der Hand seiner Liebsten. Die hingegen fürchtete sich vor ihrem ersten Flug und der fremden Sprache. «Ich verstehe kein Wort. Daher komme ich mir oft wie eine Idiotin vor.» Auch mit ihrem Schulenglisch kommt sie nicht weit. Michael ist daher ständig in der Rolle des Übersetzers. Mit seinem Mix aus Spanisch und Portugiesisch kann er sich schon ziemlich gut verständigen. Auf einer Skala von eins bis zehn? Priscila gibt ihm eine Sechs. Doch irgendwann läuft die Schonfrist ab: «Sie muss mir schon beweisen, dass sie sich auch sprachlich integrieren möchte.» Dass ausländische Frauen oftmals nur in ihrem Kulturkreis verkehren, kann er nicht verstehen. «Dann wird es nämlich echt schwierig, einen Job und Freunde zu finden.»

Dauerharmonie als Liebestöter
Freunde und Sport – in letzter Zeit hat Michael vieles davon vernachlässigt. «Ich wollte halt jede freie Minute mit meiner Partnerin verbringen.» Doch einer ihrer nächsten Besuche soll mit einer Aufgabe verbunden sein. «Heiraten ist für mich noch kein Thema, aber wir überlegen uns, ob sie nicht für ein Jahr als Aupair kommen könnte. Dadurch kann sie sich ein eigenes Universum erschaffen, die Sprache lernen und es gäbe so etwas wie Alltag zwischen uns.» Michael könnte sich auf seine Karriere konzentrieren und müsste nicht immer ein «Rundum-Sorglos»-Programm bieten. Denn: «Was unbedingt harmonisch verlaufen muss, geht unweigerlich in die Hose. Erwartungen sabotieren genau das, was man so gerne möchte», weiss Experte Klaus Heer. Doch auch das Zusammenwohnen berge seine Gefahren: «Wenn wir in den gleichen vier Wänden leben, müssen wir sehr aufpassen, dass die ersehnte Nähe nicht zu irritierender Reibung verkommt.»

Michael und Priscila erleben ihre junge Liebe noch mit einer gewissen Unsicherheit. Warum reagiert diese hübsche Kollegin auf das Facebook-Foto meines Freundes? Und: Was macht der eine, wenn der andere wieder abgereist ist? «Treue ist Grundvoraussetzung», darin ist sich das Paar einig. Dennoch kann die Brasilianerin ihre Eifersucht nicht überwinden. Als Vertrauensbeweis schlägt sie deshalb vor, Social-Media-Passwörter auszutauschen und Dating-Apps zu deinstallieren. «Ich empfinde ihren Vorschlag als vertrauensfördernd», sagt Michael. «Schliesslich habe ich ja nichts zu verbergen.» Klaus Heer hingegen findet: «Für mich ist das ein Killerargument gegen jedes persönliche Grundbedürfnis. Die eigene Privatsphäre ist ebenso schützenswert wie der gemeinsame Garten.» Von «sehr kontrollwütigen» Partnern könne man zwar nur in den seltensten Fällen sprechen, viel häufiger aber gebe es Paare, die gegenüber dem Sicherheitsbedürfnis des anderen völlig hilflos sind. «Diese unbeholfene Reaktion befeuert die Kontrollwut. Ein Teufelskreis!» Doch seien es für ihn nicht die Sozialen Medien, die die Eifersucht anheizen würden: «Die Leute sind zu zurückhaltend beim Ja-Sagen zu einem Menschen. Sie suchen weiter, auch wenn sie längst gefunden haben. So fehlt in der Beziehung die Liebesgewissheit, was besonders auf grosser Distanz schwer erträglich ist.»

Auswandern für ein Happy End
Die grosse Durststrecke – sie soll kein Dauerzustand werden. Doch für Michael ist klar: «Meine berufliche Zukunft liegt nicht in Brasilien. Daher müsste Priscila den Schritt wagen.» Und das tut sie im Mai, wenn auch vorerst wieder nur für 90 Tage. «Wenn ich nicht fälschlicherweise von einer erlaubten Aufenthaltsdauer von drei ganzen Monaten ausgegangen wäre, müsste sie die letzte Nacht nicht im Transit-Hotel des Zürcher Flughafens verbringen», ärgert sich Michael. Besonders unglücklich am falschen Timing: Priscilas Abflugtag ist ausgerechnet sein Geburtstag. Den muss er nun alleine verbringen. Mit dem Wissen, dass seine Freundin eigentlich – am 91. Tag ihrer Reise – noch immer auf Schweizer Boden ist.

Schatz, das soll (nicht) sein: 10 Regeln für die Fernliebe


Do’s
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  • default_titleSie pflegen keine 08/15-Beziehung. Daher besprechen und gestalten Sie miteinander immer wieder die spezielle Eigenart Ihrer Liebe.
  • default_titleEntdecken Sie den Reiz und den Charme der gesprochenen und geschriebenen Sprache, die Sie verbindet.
  • default_titleKlären Sie ausdrücklich den Bereich Treue, Untreue und Eifersucht.
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  • default_titleLassen Sie nicht zu, dass Eifersucht zur Tabuzone wird.
  • default_titleQuälen Sie den anderen nicht mit Forderungen, von denen Sie wissen, dass er sie im Moment nicht erfüllen kann. Erkunden Sie einfach die aktuelle Situation nach deren Chance für Sie beide.
  • default_titleReden Sie nicht zu viel. Aktivieren Sie vielmehr Ihre Ohren. Und das Herz, das mit dem Hörorgan verbunden ist.
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Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017