Dr. Klaus Heer

vitagate.ch vom Oktober 2017
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«Sprachloser Sex ist unmöglich gut»

Orgasmen vortäuschen, über Bedürfnisse sprechen und nichts tun wie beim Aare-Schwimmen. All das sorgt für guten Sex. Der Berner Paartherapeut und Autor Klaus Heer beantwortet 13 häufige Sexfragen.

VON KLAUS HEER
1. Der grösste Irrtum über und beim Sex?
Dass Sex «klappen» sollte. Denn wenn er klappt, ist er langweilig, maschinell. Wenn nicht, ist er total frustrierend.

2. Was ist guter Sex?
Wirklich guten Sex haben zwei Leute, denen beiden rundum wohl ist im Bett. Das klingt unspektakulär und einfach, ist aber eine wahre Kunst. Das Anspruchsvollste daran: Man muss reden. Sprachloser Sex ist zwar möglich, aber unmöglich gut.

3. Wenn man in sexuellen Dingen ganz offen ist: Läuft man da nicht Gefahr, einander zu verletzen?
Ja, diese Gefahr ist gross. Zu gross. «Ganz offen» über Sex und Erotik zu reden, ist viel zu viel gewagt. Ohne Fingerspitzengefühl geht es schief.

4. Ist One-Night-Stand-Sex in der Regel gut oder schlecht?
Das ist Geschmackssache. Man mag dies, oder nicht. Der grösste Nachteil ist, dass man dabei nichts lernen kann, weil man es immer wieder mit einem neuen Gegenüber zu tun hat. Es ist Roulette im Bett.

5. Was kann man tun, damit der Sex in einer langjährigen Partnerschaft spannend bleibt?
Entspannen. Nichts tun. Wie beim Aare-Schwimmen: Man legt sich auf den Fluss und schaut in den Himmel. Sonst nichts. Liebe ist, nicht arbeiten müssen. Nur da sein.

6. Ist guter Sex eigentlich Voraussetzung für eine glückliche Partnerschaft?
Nein. Je weniger Ansprüche man an eine Paarschaft stellt, umso glücklicher wird sie. Mit der erotischen Liebe ist es wie mit dem Leben: Sein genügt. Ich sein. Wir sein.

7. Was empfehlen Sie Frauen zu tun, die nur noch selten oder keine Lust mehr auf Sex haben?
Machen Sie Ihrem Mann ein verbindliches Angebot: «Ich werde nie mehr mit dir schlafen, wenn ich keine Lust habe.» Und brechen Sie Ihre Zusage kein einziges Mal. Ihrem Mann zuliebe.

8. Was würden Männer den Frauen selten verraten?
Die meisten Männer haben nur eine einzige erogene Zone. Vielen fehlt der Mut, das offenzulegen. Doch die Liebe fürchtet sich nicht vor der intimen Realität.

9. Wie soll eine Frau damit umgehen, wenn der Mann nicht kommt?
Je länger er keinen Orgasmus hat, desto besser. Lange vor Lust vergehen ist viel schöner als kurz kommen. Wenn der Mann kommt, geht sein Begehren augenblicklich weg. Das ist doch schade. Lust geniessen ist das Schönste, was es gibt.

10. Können Männer einen Orgasmus vortäuschen?
Sicher! Männer sollten es ab und zu versuchen. Ganz offen und offiziell. Frauen übrigens auch. Tun als ob – das bringt Übermut, Jux und Gaudi ins Bett. Drei der vielen köstlichen Ingredienzen für guten Sex.

11. Wann ist ein Mensch beziehungsunfähig?
«Beziehungsunfähig» ist weiter nichts als ein unbeholfenes Schimpfwort. Keine Diagnose. Der Begriff könnte die unvermeidliche Erfahrung beschreiben, dass man zeitweise überfordert ist zu zweit

12. Ein häufiges Missverständnis zwischen Mann und Frau?
Die Idee, dass man einander verstehen müsse. Vor allem, dass der andere mich unbedingt zu verstehen hat. Das ist zu viel verlangt. Es genügt, dass wir übereinander staunen

13. Männer oder Frauen: Wer geht häufiger fremd?
Das weiss niemand. Weil viele Männer und Frauen im Versteckten fremdgehen und kaum jemand ohne Weiteres zugeben wird, dass er untreu ist. Experten vermuten, dass die Frauen in den letzten Jahren die Männer beim Fremdgehen eingeholt haben. Sicher ist: Männer können sich inzwischen überhaupt nicht mehr sicher fühlen, zu Hause eine treue Frau zu haben, während sie selbst sich auswärts gütlich tun.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017