Dr. Klaus Heer

SonntagsBlick vom 28. Januar 2018
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«Ein kalter Krieg in den eigenen vier Wänden»

Rentner, die ihren Partner umbringen, sorgten seit Anfang Jahr für Schlagzeilen. Paartherapeut Klaus Heer über die Not der Senioren und den Mord aus Mitleid.

INTERVIEW: TOBIAS MARTI
SonntagsBlick: Was geht in einem Menschen vor, der eine geliebte, aber schwerkranke Person umbringt?
Klaus Heer: Kein Mensch kann sich die Abgründe vorstellen, die sich für alternde Paare auftun. Verliebte schwärmen gern vom miteinander Altwerden. Aber kaum ein Paar ist auf die Not und Enttäuschung gefasst, die im Alter auf die beiden zukommen kann.

Ist denn das Altwerden zu zweit so schwierig?
«Das Alter ist ein Massaker», schreibt der Schriftsteller Philip Roth. Ich selbst sehe häufig, wie sich zwei alternde Leute in derselben Wohnung langsam gegenseitig massakrieren, statt friedlich auf dem Bänklein vor dem Haus zu sitzen.

Warum tun sich Paare das an?
Sie wissen nicht, wie sie’s besser machen könnten. Viel zweisames Elend ist nämlich hausgemacht. Paare haben in ihrer gemeinsamen Biografie nicht gelernt, die Alltagslast des Lebens miteinander zu tragen. Statt liebende Solidarität zu pflegen, führen sie häufig ­einen kalten Krieg in ihren vier Wänden. Ich wundere mich seit Jahrzehnten darüber, dass nicht mehr Paare ihrem gemeinsamen Gram ein gewaltsames Ende setzen.

Sind belastende Situa­tionen, etwa das langjährige Pflegen des Partners, der Auslöser?
Tag für Tag voll für den anderen da sein zu müssen, kann ein zermürbender Stress sein. Es liegt nahe, dass da jemand mit der Zeit aus der Fassung gerät.

Viele ältere Paare leben in symbiotischen Beziehungen. Wie fest spielen Verzweiflung und Aussichtslosigkeit mit, wenn der eine sieht, wie der Tod der liebsten Person näher rückt?
Man kann nicht zusammenleben ohne Symbiose. Lieben heisst Anteilnehmen am Leiden des Partners. Und zusehen müssen, wie er direkt auf den Tod zugeht, ist ein tiefer Schrecken. Auf diesen unfasslichen Anblick kann man sich eigentlich nicht vorbereiten.

Es gibt also keine Prävention für schlimme Entwicklungen?
Doch. Wenn man zusammenlebt, könnte man lernen, einfühlsam zu werden für den Schmerz des anderen. Vor allem für die Mühe, die ich selbst ihm bereite. Zwar will ich nicht wirklich böse sein zu ihm, aber jeden Tag mit ihm zu leben, bringt es mit sich, dass ich immer wieder schwierig bin für ihn. Genau das muss er mir sagen können. Wenn ich mich nun ständig verteidige gegen diese «Vorwürfe» ...
... dann haben wir den Krieg, von dem Sie sprachen?
Genau. Mehr noch: Wir übersehen die Vorboten einer drohenden Katastrophe. Gereizheit, Sticheleien, Alltagssabotage, eheliches Mobbing, dicke Luft, aggressive Stummheit und perfide Demütigungen – all das kann zum hässlichen häuslichen Dauerzustand werden. Derlei gegenseitige psychische Gewalt ist der Nährboden für physische Gewaltanwendung. Es gibt übrigens noch eine ganz andere Präventionsmöglichkeit.

Nämlich?
Die Scheidung! In den letzten Jahren zeichnet sich ein markanter Anstieg der Scheidungszahlen bei Leuten über 50 ab. Jetzt mal Hand aufs Herz: Soll die Lebenserwartung der Liebe genauso ansteigen wie wir selbst immer älter werden? Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mussten sich die Paare rund 15 Jahre lieben bis einer von ihnen starb. Heute dauert das über 50 Jahre. Bei vielen Paaren ist die Luft aber früher raus. Zum Glück gibts den Notausgang.

Bei den Gewalttaten, über die wir reden, sind mit grosser Mehrheit Männer die Täter. Wa­rum?
Mir fällt bei meiner Arbeit immer wieder auf, wie empfindsam und verletzlich Männer sind für die psychische Gewalt in ihrer Ehe. Sie reagieren darauf gern mit Rückzug, Stummheit und manchmal eben auch gewaltsam. Sie bunkern ihre Gefühle, bis sie explodieren. Die Lösung kann nur so aussehen, dass beide, Mann und Frau, selbstkritisch ihren Beitrag zur psychischen häuslichen Gewalt erkennen.

Dass man sich selber hinterher auch noch tötet: Ist das konsequent? Oder viel eher Feigheit?
Weder noch. Vielleicht ist der gemeinsame Tod ­abgesprochen. Oder die ­Lebensbilanz ist für den einen Partner so überwältigend negativ, dass er den anderen in den Tod mitnehmen will. Feigheit kommt als Motiv kaum in Betracht. Im Gegenteil: man kann nicht ermessen, wie viel unerschütterlicher Mut nötig ist, bis man schliesslich auch das eigene Leben auslöscht.

Ist die Häufung mit ­einem gewissen Nachahmungseffekt erklärbar?
Nein, eine solche Erklärung wäre abenteuerlich. Diese «Häufung» kann uns erschüttern, aber von wissenschaftlicher Stichhaltigkeit ist sie extrem weit entfernt. Es sind Einzelfälle. Bisher jedenfalls. Dass eine Tendenz daraus werden könnte, lässt sich nicht ganz ausschliessen.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2018