Dr. Klaus Heer

Die Südostschweiz am Sonntag vom 22. Mai 2011
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«Der häufigste Tatort ist das Ehebett»

Niemand ist bis zum Letzten berechenbar. Aber die Gefahr, dass das «Reptilienhirn» das Kommando übernimmt, ist bei Machtmenschen wie Dominique Strauss-Kahn erhöht. Das sagt Paartherapeut Klaus Heer.

INTERVIEW: URS ZURLINDEN
Herr Heer, haben Sie schon einen Sexualtäter beraten?
Klaus Heer: Nicht persönlich. Ich bin kein Einzeltherapeut. Ich bin aber sicher, dass es unter meinen männlichen Klienten ein paar Sexualtäter gegeben hat. Zum Beispiel Kinderporno-Konsumenten.

Was treibt Männer zu sexuellen Übergriffen?
Das ist komplex. Niemand kann diese Frage befriedigend beantworten. Und das ist vielleicht gut so. Krude Ideologie hilft auch nicht weiter.

Aber man weiss, dass Sexualmissbrauch eine klassisch männliche Tat ist? Ja. Weibliche Missbräuche sind viel subtiler. Sie schaffen es nicht in die Schlagzeilen.

Sind Sexualtäter Opfer ihrer Hormone?
Wer das behauptet, entlastet den Täter. Sexualität findet ja im Kopf statt. Wenn das Herz verdreht ist, dreht der Kopf durch. Unsere ganze Gesellschaft insgesamt hat eine ziemlich perverse Beziehung zur Sexualität. Der Sextäter ist das überzeichnete Abbild davon.

Pädophilen wird nachgesagt, sie seien krank. Ist das so?Wer seinen pädophilen Neigungen nachgibt, ist nicht krank, sondern kriminell.

«Chindlischänder» werden in den Gefängnissen von den anderen Insassen verachtet. Zu Recht?
Hackordnungen in Gefängnissen sind eine brutale Realität. Nach Recht oder Unrecht fragt hier keiner.

Was unterscheidet den Kindsmissbrauch vom Missbrauch einer Hotelangestellten?
Missbrauch ist Missbrauch. Allerdings kann sich ein Kind viel weniger wehren als eine Frau. Bei ihm können die Schäden entsprechend viel einschneidender sein. Man weiss, dass missbrauchte Kinder oft an Traumen leiden, die es ihnen lebenslang erschweren oder verwehren, unbelastet körperlich zu lieben.

Sind Hotelzimmer bevorzugte Tatorte für sexuelle Übergriffe?
Nein! Wie kommen Sie darauf? Der häufigste Tatort ist das Ehebett. Hier wirken Mann und Frau meist so zusammen, dass man das Sex-Geschehen als «häusliche Prostitution» bezeichnen muss. Für diese Form von häuslicher Gewalt braucht es eben zwei: einen, der sie ausübt, und den anderen, der sie zulässt.
«Sexualtäter sind nicht Opfer ihrer Hormone»
Können Sie sich die Szene vorstellen, wie sie Dominique Strauss-Kahn vorgeworfen wird?
Natürlich kann ich das. Das Szenario ist so einleuchtend, dass es auch erfunden sein könnte.

Die ihm angelasteten Übergriffe sollen in der 3000-Dollar-Suite eines Nobelhotels stattgefunden haben. Wird das soziale Gefälle zum besonderen Kick?
Ja, das kann gut sein. Der Glamour- Film «Pretty Woman» hat allen diesen Kick gebracht: der Story und uns entzückten Zuschauern. Auch den Zuschauerinnen, glaube ich.

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Strauss-Kahn ist offenbar kein Mann der sexuellen Enthaltsamkeit. Verführt diese Eigenschaft zum Missbrauch?
Chronischer sexueller Heisshunger ist überhaupt nicht zwingend eine Vorstufe zum Missbrauch. Umgekehrt kann auch der gewohnheitsmässig Keusche nicht sicher sein, dass er nicht eines Tages ausrastet und etwas Unerwartetes tut. Menschen sind nicht wirklich bis zum Letzten berechenbar und verständlich.

Strauss-Kahn ist zum dritten Mal verheiratet und hatte vor drei Jahren eine Affäre mit einer jungen Mitarbeiterin. Ist er deshalb besonders verdächtig?
Wenn das so wäre, gäbe es immer weniger unverdächtige Männer.
«Sie braucht eher Trost als Rat»
Auch eine Journalistin meldet sich nun: Sie sei von «DSK» sexuell belästigt worden – vor neun Jahren.
Dieser Fall ist noch genauso wenig geklärt wie die Geschichte von letztem Wochenende. Er akzentuiert aber das öffentliche Bild von «DSK» als dem «brünstigen Schimpansen», wie er jetzt in der Presse geschimpft wird.

Seine Frau hält unbeirrt zu ihm. Was raten Sie ihr als Paartherapeut?
Frau Sinclair hat sich bisher noch nicht bei mir gemeldet. Sie braucht auch keinen Rat. Eher Trost für den jähen Verlust ihrer Aussichten, je die Nachfolgerin von Carla Bruni zu werden.

In seinem rührigen Rücktrittsschreiben an den Internationalen Währungsfonds IWF beteuert er die Liebe zu seiner Frau. Was halten Sie davon?
Anne Sinclair hat ja bereits ihr bedingungsloses Vertrauen in ihren Mann bekundet.Vielleicht halten die beiden in ihrer abgründigen Not tatsächlich zusammen – ein Vorgang, der zwischen schwer gestressten Paaren allerdings selten ist. Peinlich wäre nur, wenn sie das vor den voyeuristischen Augen der Weltpresse inszenieren würden.

Strauss-Kahn ist 62 Jahre alt. Verführt das Alter zu sexueller Torschlusspanik?
Gewöhnliche Männer neigen zu einer solchen Reaktion. Aber für machtgesteuerte Schwerenöter wie «DSK» gibt es diese Frage wohl nicht. Sie sind sich ihrer Sache als Mann sicher.
«Macht bringt das Reptilienhirn in Schwung»

Der Mann ist hochintelligent und war bis Donnerstag Chef des einflussreichen IWF. Hat ihn die Macht verführt?
Es scheint tatsächlich so: Macht macht Allmachtsfantasien. Verleitet zu Grandiosität und kopflosen Impulshandlungen.

Ist Sexualmissbrauch eine klassische Form von Machtmissbrauch?
Ja, lieblose und rücksichtslose Sexualität ist immer sexualisierte Gewalt. Also Sex, der nicht dem Bedürfnis entspringt, dem an- deren Menschen zu begegnen. Es geht vielmehr um die verdrehte Gier, ihn in seine Gewalt zu bringen.

Sind mächtige Männer deshalb besonders gefährdet? Ja. Man weiss zum Beispiel, dass die Herren im Pariser Élysée-Palast gewöhnlich Dreck am Stecken hatten. In sexueller Hinsicht, meine ich. Macht bringt das – für Überleben und Fortpflanzung zuständige – Reptilienhirn mächtig in Schwung. Das Denkhirn kommt nicht mit.

Der emeritierte Basler Psychologieprofessor Udo Rauchfleisch sagt: «Man wird hemmungslos.» Einverstanden?
Er sagt, mächtige Männer seien in Gefahr, «rücksichtslos» zu werden. Ohne diesen Ellbogeneinsatz wären sie ja auch nicht mächtig geworden. Das leuchtet ein.
Der israelische Staatspräsident Mosche Katzav wurde gegenüber mehreren Mitarbeiterinnen handgreiflich – und landete im Gefängnis. Gibt es für Staatschefs keine entlastenden Argumente?
Nur wenn sie sich nicht erwischen lassen.

Mächtige Menschen sind sich gewöhnt zu sagen, wo es langgeht – und dulden keinen Widerspruch. Wer seine Macht wirklich auskostet – auch im Bett –, der duldet keine Verweigerung. Eben weil er die Macht hat, den ganzen Tag die Fäden zu ziehen. Das nennt man dann Vergewaltigung. Oder versuchte Vergewaltigung.

Haben auch die sexuellen Übergriffe in der Katholischen Kirche mit Macht zu tun?
Ja, sicher. Auch hier spielen immer ein markantes Machtungleichgewicht und psychische Abhängigkeit eine
zentrale Rolle.

Viel Macht macht einsam. Fehlt den Mächtigen das soziale Netz?
Ich gehe davon aus, dass ein Mächtiger weder Zeit noch Ressourcen frei hat, persönliche Kontakte kontinuierlich und liebevoll zu pflegen. Ich meine gleichgeschlechtliche Freundschaften zum Beispiel. Das ist schon bei gewöhnlichen Männern ein gravierender Mangel.

Sie sprechen von «Standschäden» bei den Mächtigen. Was meinen Sie damit?
Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nicht sorgfältig gepflegt werden, verkümmern. Das gilt im Speziellen für emotionale Kompetenzen im Bereich des sozialen Mikrokosmos: Beziehung, Freundschaft, Vaterschaft und so weiter.

Wie gehen die Mächtigen damit um, dass ihr Fehlverhalten jederzeit auffliegen und sie abstürzen können?
Vermutlich sorgen sie dafür, so gut es geht und auch mit Hilfe ihres Machtapparates, dass das nicht passiert. Ich kann mir vorstellen, dass das hintergründige Spiel mit dem Risiko ein zusätzlicher Reiz sein könnte.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton liess sich von Praktikantin Monica Lewinsky oral befriedigen – freiwillig. Also war das kein Machtmissbrauch?
Den mächtigsten Mann der Welt so zu befriedigen kann sehr wohl dem Reptilienhirn einer jungen Frau entspringen. Ob man das noch «freiwillig» nennen kann, ist aber fraglich.

Der Präsident leugnete den Vorfall standhaft – und seine Frau Hillary Clinton verzieh ihm.
Woher wollen Sie das wissen? Niemand – ausser dem Ehepaar Clinton – weiss, ob und wenn ja wie die beiden mit der heiklen Geschichte fertig geworden sind. In der Presse klingt «verzeihen» gut und karriereförderlich. Für beide.

Die jüngste Enthüllung betrifft Arnold Schwarzenegger: Der «Terminator» hat seit Jahren ein Kind mit seiner Hausangestellten. Die hat offenbar brav geschwiegen?
Die Frau hat vermutlich nicht «brav geschwiegen», sondern sie hat geschwiegen, weil sie ein Interesse am Schweigen hatte.
«‹Frauengeniesser› ist ein Macho- Gewaltbegriff»
Wann wird ein Seitensprung zum Übergriff?
Wenn andere als erotische Motive dahinter sind. Also zum Beispiel Machtgelüste auf der einen Seite – und narzisstische Profitsucht auf der anderen.

Und wenn Italiens Premierminister Silvio Berlusconi mit seiner Gespielin «Ruby» Sexpartys feiert?
Dann ist das eine besonders verdrehte Veranstaltung.

Berlusconi wird im eigenen Land als gealterter «Frauengeniesser» akzeptiert. Geht das?
Es scheint zu gehen. Der «vital» gebliebene, steinalte Latin Lover scheint vielen Italienern insgeheim eine attraktive Identifikationsfigur zu sein. Dabei ist schon das Wort «Frauengeniesser» ein machistischer Gewaltbegriff.

In der Schweiz sorgte einst das Buch einer Prostituierten für Aufsehen, die über Besuche von Bundespolitikern berichtete. Gilt für Politiker eine andere Moral?
Nein, natürlich nicht. Aber sie sind gehalten, besonders strenge Spielregeln einzuhalten, wenn sie die Hauptregel «Treue und Seriosität» heimlich verletzen. Sonst riskieren sie den Ruin ihrer Karrierechancen.

Auch andere Promis stehen im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Sehen Sie Parallelen zum Fall Kachelmann?
Ja, klar. Das Presseinteresse ist auch bei ihm enorm.

Der Fall Kachelmann wird teilweise hinter verschlossenen Türen verhandelt, der Fall Strauss-Kahn in aller Öffentlichkeit. Was halten Sie für richtig?
Der Strauss-Kahn-Prozess hat noch lange nicht begonnen. Aber die betroffene Hotelbedienstete hat bisher ihre Identität ebenso schützen können wie einige der ehemaligen Geliebten von Kachelmann.

Der Prozess gegen Jörg Kachelmann hat all seine Bettgeschichten enthüllt. Wie gross ist der Schaden?
So gross, wie Kachelmann selbst ihn empfindet. Von aussen betrachtet ist sein Sturz nicht derart abgrundtief wie der von Strauss-Kahn.

Der Wettermoderator hat Bewunderer und Neider, Schulterklopfer und Feinde. Er bleibt im Gespräch. Vorläufig sicher ja. Er ist viel «berühmter» als vor derAffäre. Doch sein Ruhm ist jetzt zwiespältig: er ist berühmt-berüchtigt. Ich weiss nicht, ob er das zu seinem Vorteil wird nutzen können. Und wenn ja, wie.

Letzte Woche hatte der Staatsanwalt das Wort, nächste Woche die Verteidigung. Wie würden Sie Kachelmann verteidigen?
Ich bin froh, dass ich bei diesem Prozess nicht mitwirken muss. Weder als Kläger, Verteidiger oder Sachverständiger noch als Richter. Besonders für die Gutachter und Richter muss die Überforderung komplett sein. Das sieht man unter anderem daran, dass die verschiedenen Sachverständigen zu diametral anderen Schlüssen kommen. Und diese sollen dann die Richter zu einem schlüssigen Urteil bündeln.

Wie ist Ihre Prognose: Wird Kachelmann freigesprochen?
Ich glaube ja. Obwohl die Mannheimer Staatsanwaltschaft am Mittwoch über vier Jahre Haft gefordert hat. Ich kann mir aber inzwischen nicht mehr vorstellen, dass ein «gerechtes» Urteil überhaupt noch möglich ist.

Die Karriere von Dominik Strauss-Kahn ist so oder so im Eimer. Was raten Sie ihm? Auch «DSK» hat mich noch nicht angerufen – glücklicherweise. Ihm ist wohl nicht mehr zu helfen.

Klaus Heer...

...wurde am 9.Dezember 1943 als ältestes von zwölf Bauernkindern in Luzern geboren. Nach dem Gymnasium in Stans und Freiburg absolvierte er ein Psychologiestudium in Hamburg und Bern, das er 1973 mit der Promotion abschloss. Ein Jahr später eröffnete er eine Privatpraxis für Paartherapie in Bern, die er bis heute betreibt. Parallel dazu arbeitete Heer von 1968 bis 1992 teilzeitlich bei Radio DRS und publizierte diverse Bücher. Im Herbst 2009 erschienen gesammelte Interviews mit Barbara Lukesch unter dem Titel «Klaus Heer, was ist guter Sex?» Klaus ist zum zweiten Mal verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter. www.klausheer.com (uz)
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017