Dr. Klaus Heer

Schweizer Bauer vom 26. November 2011
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Zuhören ist wichtiger als reden

Am Arbeitskreistreffen «Liebesglück – ja mit Investitionen» im Inforama Zollikofen räumt Paartherapeut Klaus Heer auf. Zum Beispiel mit den Mythen «über Probleme muss man sprechen» und die Idealbeziehung.

PAMELA FEHRENBACH
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«Interessieren Sie sich für andere Ansichten, anstatt sie unbedingt ändern zu wollen», rät Paartherapeut Klaus Heer. (Bild: Pamela Fehrenbach)
Psychologe Klaus Heer betreut seit Jahrzehnten Paare mit Beziehungsproblemen und setzt offensichtlich zwischendurch gerne mal auf Schocktherapie. Anstatt salbungsvolle Beziehungsarbeitsphrasen, welche die Frau – da müssen wir Frauen ehrlich sein – in Sachen Beziehungsarbeit meist in eine komfortable Position bringen, haut er den rund 120 angereisten Bäuerinnen und Bauern die abgedroschenen Beziehungstipps schonungslos um die Ohren – um sie danach genüsslich und pointiert infrage zu stellen. Das aber mit so viel Humor, Augenzwinkern und Verständnis, dass ihm eigentlich keiner bös sein kann.

Probleme nicht zerreden

«Probleme in der Beziehung soll man diskutieren, besprechen, aus allen Ecken beleuchten? Vergiss es.» Spätestens nach dem Satz schienen die anwesenden Männer sichtbar aufzuatmen. «Wenn beide reden, reden und reden – wer, bitte schön, hört dann noch zu?» Gelächter nun auch bei den Frauen. «Wie wärs zum Beispiel mit zuhören? Nicht warten, bis der andere fertiggeredet hat. Hinhören.» Schmunzeln, Wiedererkennen und Nachdenken rundum. Das Ohr ist die Verbindung zum Herzen, nicht der Mund, ausserdem nähmen Probleme an Bedeutung zu, je mehr man sich damit beschäftige. «Und das kann ja nicht im Ernst Ihr Ziel sein, wenn sie es mit dem Typ neben Ihnen noch eine Weile aushalten wollen.»

Streitkultur? Nein danke

«Niemand hört gerne, dass er ein Arsch ist.» Für Heer ist der Streit die Bankrotterklärung des Gesprächs, Streitkultur ein Unwort. «Wir haben wohl ein hartes Herz, wenn wir einander nicht mehr zuhören können. Und wer mag den anderen schon anschauen, wenn der schreit, ‹lueg mi a›?» Heer empfiehlt, lieber den Hund zu packen, «der sagt wenigstens nichts», und zusammen in die Natur zu gehen, wenn schon Probleme gewälzt werden.

Abschied vom Ideal

«Wenn Sie von einer harmonischen Beziehung träumen, wird sie davon nicht harmonischer.» Viel besser als über Probleme unterhalte man sich doch, wie man das gemeinsame Liebesgärtlein pflegen könne. «Wo können wir etwas investieren, geben? Was macht uns Vergnügen? Damit fokussieren Sie sich auf Ziele, Positives. Das ist für die Beziehung wertvoll.» Schlussendlich wollen sich beide wohl fühlen und die Beziehung erhalten. Dafür müsse vor allem frau sich vom Ideal der Liebesromane verabschieden. «Wenn man sich wirklich liebt, gehts schon? Vergiss es!», wird Heer deutlich. Jeder ist eine eigenständige Person und zudem noch Männlein oder Weiblein mit unterschiedlichen genetisch und gesellschaftlich geprägten Prioritäten. Es sei normal, dass die Bedürfnisse verschieden sind. «Eine Beziehung ist ein Ort, der immer neu entsteht. Eine Welt fällt zusammen und eine neue entsteht – spannend!», macht Heer Mut.

Herausforderungen

Als eine der grössten Herausforderungen nennt Heer in Anlehnung an die Tierhaltung pointiert den «Dichtestress». Die Schwierigkeit in einer Beziehung sei nicht das Halten, Schmusen, Beieinander-Sein. «Dem anderen Raum lassen, das ist die schwierige Seite der Liebe.» Als eine weitere Herausforderung höre immer wieder von der mangelnden Zeit. «Da staune ich. Niemand hat Zeit, und das bei durchschnittlich 214 Minuten Fernsehkonsum pro Tag und Person. Babys und Blinde miteingerechnet!» Ausserdem muss die Liebe ihren Rohstoff Zeit auch noch mit Hobbys und dem Geld teilen.
Beziehungspflege täglich

Die Pflege der Beziehung brauche aber eigentlich gar nicht so viel Zeit, ist Heer überzeugt: «Vier, vielleicht, wenns hochkommt, zehn Minuten täglich. Das ist ja nicht wirklich ruinös fürs Zeitbudget, oder?», fragt Heer und erntet – wieder einmal – zustimmendes Lachen. Es gehe bei der Beziehungspflege eher um die Qualität als die Quantität. Fühlt man sich aufgehoben, geschätzt, geliebt und geachtet, ist die Beziehungs- und Herzenswelt meist in Ordnung. Lange Herzensbeziehungen leiden oft unter Abstumpfung. Man hat sich ja. Man liebt sich ja. Fertig. Eben nicht. «Abgestandene Beziehungen brauchen Abenteuer – etwa eine Umarmung. Damit meine ich nicht ein Tante-Sabine-Spitzmundküssli als Abschied und Begrüssung» schmunzelt Heer. Sondern etwas Beseeltes, was beiden gut tut. Ein Festhalten von etwas mehr als den üblichen 2 bis 3 Sekunden – das entspannt und ermöglicht die Schwingung von Herz zu Herz. Auch das Schlafengehen und das Aufwachen seien solche Momente. «Sind Sie wirklich 100 % sicher, dass die Person an Ihrer Seite am Morgen wieder aufwacht? Was, wenn nicht, und Sie sich nicht einmal verabschiedet haben?» Sich einfach ins Bett zu verkriechen, sei für ihn klare Beziehungsverwahrlosung. Eine vertane Chance für die Liebe.

Investitionen in die Liebe

«Verabschieden Sie sich von der Buchhaltungsabteilung, wenn Sie in ihre Liebe investieren» sagt Heer. «Klar ist die Beziehung ein Geben und Nehmen. Doch nicht immer und gezwungenermassen im Gleichgewicht» räumt er mit dem Ideal der Balance auf. Return und Invest müssten einfach für beide auf lange Sicht stimmen.

Im Zentrum sollte die Frage stehen: Wie halten wir unseren Liebesofen warm? Alle kleinen Zeichen, die zeigen, «ich interssiere mich für dich, du bist mir wertvoll», legen Holz nach im Liebesofen. Zum Beispiel, wenn die Liebe mal wichtiger ist als das 10 vor 10. «Oder gemeinsame Rituale, die man nur mit dem Partner teilt, exklusiv sind. Wahre Funken in den Liebesofen sind auch SMS mit einer Liebesbotschaft – schade, dass vor allem Männer oft erst durch eine Affäre merken, wie viel SMS bewirken.»

Wichtig bei allen diesen Investitionen sei aber, dass man nichts zurückerwartet, so Heer. «Sonst ist man wieder direkt in der Buchhaltungsabteilung.» Lieben aus der Fülle anstatt aus dem Mangel ist aber nur möglich, wenn man auch in sich selber investiert. So kann ein Hobby genauso eine Investition in die Beziehung sein. «Die Schüblig aus den Ohren nehmen, sich mit Interesse und Respekt begegnen ist wohl die beste Investition in die Liebe.»

Zur Person


Klaus Heer kam 1943 als ältestes von zwölf Bauernkindern in Luzern zur Welt. 1974 eröffnete er eine Privatpraxis für Paartherapie. Neben seiner paartherapeutischen Praxis arbeitete er Teilzeit beim Schweizer Radio DRS und schrieb für verschiedene Medien. 1995 brachte er sein erstes Buch «Ehe, Sex & Liebesmüh'» (Scalo-Verlag Zürich) heraus, welches zum heftig diskutierten Bestseller-Erfolg wurde. 2000 folgte «Wonne-Worte» im Rowohlt-Verlag. Das dritte Buch «Paarlauf – Wie einsam ist die Zweisamkeit» erschien 2005 (Scalo-Verlag). Zuletzt erschien 2009 das Interviewbuch von Barbara Lukesch: «Klaus Heer, was ist guter Sex?», Wörterseh-Verlag ZH. pam
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017