Dr. Klaus Heer

Beobachter vom 6. Dezember 2002
Stacks Image 98909

«Liebesleben: Wenn die Spielwiese verkümmert»

Nach der ersten Verliebtheit schlafen viele Liebespärchen nur noch neben- statt miteinander. Paartherapeut Klaus Heer sagt, was sich gegen die Flaute im Bett tun lässt.

INTERVIEW: DANI WINTER
Beobachter: Herr Heer, eine Lebenspartnerschaft kann ziemlich lange dauern. Kommt es da nicht zwangsläufig irgendwann zur Flaute im Bett?
Klaus Heer: Ein Paar, das durch Tod und nicht durch Scheidung voneinander getrennt wird, bleibt laut Statistik 45 Jahre zusammen. Die Wonnen der Verliebtheit dauern hingegen durchschnittlich rund 90 Tage. Sehr viele Menschen können nur wirklich guten Sex haben, solange sie verliebt sind. Das ergibt eine eindrückliche Durststrecke…

Beobachter: Dann ist ein Abflauen der Leidenschaft also unausweichlich?
Heer: Fast unausweichlich, ja. Meist sind Erotik und Sexualität die zerbrechlichsten Seiten der Beziehung. Jedes Paar macht die Erfahrung, dass eine Beziehung kein pausenlos himmlisches Honiglecken ist. Missstimmung und Konflikte schlagen sich fast immer zuerst und schmerzlich im Bett nieder.

Beobachter: So stellt man sich Liebe aber nicht vor, wenn man sich zusammentut!
Heer: Nein, gar nicht! Die meisten Leute, vor allem Männer, gehen davon aus, dass ihnen die Ehe die sexuelle Grundversorgung bietet. Sexualität «gehört doch einfach dazu», wenn man einander liebt, sagen sie. Sie wissen nicht, dass sich Sexualität nur lustvoll zwischen zwei Menschen niederlässt, denen es gut miteinander geht.

Beobachter: Was kann man gegen die Bettflaute tun?
Heer: Anders als bei allen anderen Säugetieren läuft die menschliche Sexualität nicht automatisch und hormongesteuert. Sie ist abhängig davon, dass ein Paar unermüdlich und mutig die Themen Beziehung und Sexualität warmhält. Zu diesem Zweck sind wir ja auch mit dem Werkzeug der Sprache ausgestattet! Wer einen weiten Bogen um die intimen Paarthemen macht, hat fast keine Chance, dass das Doppelbett eine Spielwiese bleibt oder wird.

Beobachter: Lässt sich ein einmal erloschenes Lustfeuer neu entfachen?
Heer: Ein Kinderspiel ist es nicht. Feuer machen ist eine Kunst! Hoffnungsvoll ist allerdings die Tatsache, dass sich praktisch alle «Lustlosen» in Wirklichkeit nach Lust und Erregung sehnen – aber «nicht so».

Beobachter: Wie denn?
Heer: Genau dies kann ein fruchtbares Gespräch klären. Doch miteinander reden, ohne sich im Kreis zu drehen oder zu verletzen, ist für viele Paare ein überforderndes Kunststück. Professionelles Coaching kann hier hilfreich sein.

Beobachter: Erotiksendungen im Fernsehen und klassische Frauenmagazine empfehlen zur Abwechslung Sadomaso-Spiele oder Partnertausch in so genannten Swinger-Clubs. Ist das die Lösung?
Heer: Weiss ich nicht! Was zwei Menschen einander näher bringt, was ihnen Wärme und sogar Hitze beschert, das suchen und finden sie in eigener Regie und Verantwortung. Genau dieses Suchen und Finden ist letztlich das, was ein Paar ein Leben lang begleiten muss, wenn es nicht lustlos nebeneinander versauern will.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017