Dr. Klaus Heer

SonntagsZeitung vom 10. Februar 2013
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«Schon Adam und Eva durften die süsseste Frucht nicht anrühren»

Klaus Heer, 69, seit vierzig Jahren Paartherapeut in Bern, über Polyamorie und Keuschheitsgelübde

INTERVIEW: DANIEL J. SCHÜZ
Treue in der Liebe - entspricht das der Natur des Menschen?

Nein. Hätten wir nie etwas von sexueller Treue gehört, kämen wir auch nicht auf die Idee, einem Menschen treu sein zu wollen - ausser wir wären akut verliebt. In der Natur sind nur drei Prozent aller Tierarten monogam. Treue ist eine typisch menschliche Kulturerscheinung. Sie führt uns in einen herben Zwiespalt zwischen unvereinbaren Sehnsüchten: hier Leidenschaft, dort Sicherheit.

Kann die Polyamorie diesen Konflikt lösen?

Leider nur scheinbar und höchstens kurzfristig. Wenn zwei Partner «einvernehmlich» fremdgehen, möchten sie die engen Grenzen ihrer leiblichen Lustbarkeiten bis hart an den Rand des Treuebruchs ausdehnen. Dort erwartet sie indes neues Ungemach.

Nämlich?

Die Überwindung der Eifersucht. In der Polyamorie-Ideologie ist eifersüchtig, wer Liebe mit Besitz verwechselt. In Wirklichkeit scheitern wir in Liebesbeziehungen meist am Wunsch, unbedingt geliebt zu werden. Selbst aktiv zu lieben, führt uns rasch an unsere Grenzen - und manchmal auch darüber hinaus.

Die Spielregeln der Polyamorie verpflichten zu Ehrlichkeit und Verbindlichkeit: Es gibt weder Heimlichkeiten noch «Betrug» - solange jede Parallelbeziehung jedem Partner offengelegt wird.

Es gibt oft auch die 50-Kilometer-Regel: Keiner der verschiedenen Partner soll innerhalb dieses Radius leben. Oder die Vorschrift, dass Beziehungen im Umfeld des Arbeitsplatzes oder innerhalb des Bekannten- und Freundeskreises tabu sind. Derlei Regeln sollen Konflikte vermeiden. Vor allem aber gehen sie einher mit einem enormen ideologischen und logistischen Aufwand, sie verursachen zusätzliche Komplikationen und können selten verhindern, dass der eine oder die andere der Beteiligten sich überfordert oder ernsthaft gequält fühlt.

Das heisst?

Die grösste Plage ist der Druck. Wer die Ideologie der Polyamorie-Gemeinde nicht voll übernehmen kann, macht sich innerhalb der eigenen Beziehung zum Spielverderber.

Wie viele Menschen leben in der Schweiz polyamor?

In den fast vierzig Jahren meiner paartherapeutischen Tätigkeit spielt die Polyamorie in rund fünf Prozent der Fälle eine Rolle. Polyamorie ist eine neue Bezeichnung für ein altes Thema. Als ich meine Praxis eröffnete, rief die 68er-Generation die «freie Liebe» aus, die Flower-Power-Jugend zelebrierte «Make Love Not War»-Happenings, George und Nena O'Neill erregten mit ihrem Bestseller «Die offene Ehe» Aufsehen; später wurden Begriffe wie New Monogamy oder Clinton-Monogamie geprägt - etwa, als ruchbar wurde, dass Ex-US-Präsident Bill Clinton mit einer Angestellten «nur» oralen Sex hatte und diesen nicht als eheliche Untreue gelten lassen wollte.
Gibt es den typisch polyamoren Beziehungskonflikt?

In vielen Ehen schläft bekanntlich mit der Zeit die Lust auf den Partner ein; doch im Hintergrund bleibt die Fleischeslust wach - und es taucht die Frage auf: Wie können wir vermeiden, dass wir zu zweit in aller Stille verdursten? Einer - noch immer ist es meistens der Mann - möchte dringend gemeinsam «über den Hag grasen» und, zum Beispiel in einem Swingerclub, den Partner tauschen. Auf diese Weise hofft er, frisches Wasser aus dem Wüstenfels schlagen zu können. Und die Frau ist bemüht, ihm zu folgen - «ihm zuliebe».

Was raten Sie in diesen Fällen?

Ich gebe zu bedenken, dass die beiden mitten in einem schier unauflösbaren Dilemma stecken: Es ist extrem anspruchsvoll, einander und zugleich sich selbst treu zu sein - ein Paradoxon. Ich ermutige das Paar, sich diesem Dilemma unerschrocken zu stellen und dabei weder einander unter Druck zu setzen noch in sprachlose Resignation abzugleiten.

Neben der Polyamorie gibt es den Gegentrend zur Keuschheit: Junge Menschen üben sexuelle Enthaltsamkeit bis zum Tag der Hochzeit und geloben einander danach ewige Treue.

Beide Extreme - das polyamore wie auch das enthaltsame Verhalten - sind Hochrisikofaktoren für eine Beziehung.

Inwiefern?

Wer eine libertäre Beziehung pflegt und der Versuchung gewissermassen Tür und Tor öffnet, setzt sich dem Durchzug aus - und läuft Gefahr, sich zu erkälten. Wer seine sexuelle Seite für die Ehe aufhebt, kann keine Erfahrungen mit der Komplexität von Sexualität und Beziehung sammeln.

So denken vor allem Christen aus freikirchlichen Kreisen. Gibt es dafür eine Erklärung?

Schon im Paradies durften Adam und Eva die süsseste Frucht am Baum der Erkenntnis - wohl das Symbol für die Sexualität - nicht anrühren. Der Apostel Paulus bezeichnete in seinem Brief an die Korinther den Körper als «Tempel der Seele». Die Idee, dass man sich füreinander aufbewahrt, ist eine radikale romantische Idealisierung. Ich vermute, dass jede Form von schwer erreichbarem Ideal gefährlich ist. Die Liebe stellt sich dem, was ist. Sie liebäugelt nicht mit einem Traum.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017