Dr. Klaus Heer

SonntagsZeitung vom 20. Oktober 2013
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«Doppelt vermählt hält besser»

Viele Ehepaare bestärken ihren Bund fürs Leben mit einer zweiten Trauung - der Heiratsmarkt boomt

VON SERINA KOBLER
Das machen wir gleich nochmal, dachte sich Bettina Zellweger, 40, nach ihrer Hochzeit am 3. Juli 2010. Nach acht Jahren Beziehung hatte Freund Urs, 50, an einem Geburtstagsfest um ihre Hand angehalten. Ganz klassisch. Gemeinsam stürzten sich der Zahnarzt und die Visagistin in die Vorbereitungen. Alles sollte perfekt sein. Beide sind grosse Ästheten und hegen eine gemeinsame Vorliebe für Designmöbel und Oldtimer. Für den letzten Schliff holten sie sich noch Tipps von einer Hochzeitsplanerin. Das Fest fand im heimischen Garten statt. Die Braut in Weiss, die Blumendeko auch. Genau ein Jahr später dann die zweite Hochzeit: Wieder war es Sommer, wieder waren rund 70 Freunde geladen, wieder das gleiche Paar. «Wir haben uns aber diesmal für das Motto Pink entschieden», sagt Bettina, «weil wir noch immer auf einer rosa Wolke schweben.» Von den Hortensien bis zum Essen, es gab rosa Lachs und Crevetten, die Feier war sogar farblich durchkomponiert.

Das Paar liegt mit der sogenannten Eheerneuerung im Trend. Der Brauch ist in Amerika weit verbreitet und schwappte in den letzten Jahren nach Europa rüber. Wedding-Planerin Eva Hauser kennt das Phänomen: «Immer mehr Paare geben sich nach fünf bis zehn Jahren das Eheversprechen erneut und feiern dies mit einem Fest.» Hauser kennt sogar ein Paar, für das sie «jedes Jahr» eine Hochzeit organisiert. «Die Kunden wollen diesen Zauber des Magic Moments immer wieder erleben.»

Die Ehe ist fragil und sterblich wie jeder lebende Organismus

Der Berner Paartherapeut und Buchautor Klaus Heer sieht verschiedene Ursachen für die Verbreitung der Eheerneuerung. Zum einen würden die regelmässigen Meldungen über ständig steigende Scheidungszahlen viele Paare ängstigen. Im Jahr 2012 wurden in der Schweiz 42 700 Ehen neu geschlossen - aber auch fast 17 600 Ehen wieder geschieden. Wenn Paare sich scheiden lassen, tun sie dies nach durchschnittlich sieben Jahren Ehe. Wer es länger aushält, führt bereits eine Langzeitehe.

«Paare sehen sich deshalb zunehmend nach Möglichkeiten um, wie sie ihre Zweisamkeit überlebensfähig machen könnten», sagt Heer. Allerdings seien diese Investitionen nicht leicht zugänglich. Sie erfordern viel Unerschrockenheit und Fantasie. Würden sich die Paare dann aber «noch einmal trauen», habe dies einen positiven Einfluss auf die Beziehung. Denn die Idee der Ehe-erneuerung wende sich ab von der naiven Vorstellung, die Beziehung bleibe von selbst erhalten, wenn man sich nur genug liebe.

«Paare tun gut daran, die Ehe als genauso fragil und sterblich einzuschätzen wie jeden anderen lebenden Organismus», sagt Heer. Eine fruchtbare gedankliche Voraussetzung bestehe darin, dass sich die Partner in Sachen Ehe immer als Anfänger definieren. Denn jede Beziehung sei ein Unikat. Zeremoniengestalterin Ines Wälti kennt noch andere Motivationen für die Eheerneuerung: «Insbesondere nach einer Beziehungskrise oder einer schweren Krankheit ist es Paaren ein inniges Bedürfnis, das Ehegelübde zu erneuern». Ein erneutes Bekenntnis zueinander vor Freunden und Verwandten kann den Beginn eines neuen Lebensabschnitts symbolisieren.

Pio, 48, und Susanne Soppelsa, 49, sind seit 21 Jahren verheiratet. Letzten Herbst wollten sie es nochmals wissen und heirateten ein zweites Mal. «Einige Freunde waren zuerst etwas überrascht», sagt Pio. Die Zeremonie fand in einer Kirche statt. Im Brockenhaus haben sie 20 Kerzenständer gekauft, für jedes Jahr einen. Beim Ritual in der Kirche wurden die Kerzen dann den gemeinsam verbrachten Jahren zugeordnet. Die ersten sieben, geprägt von der Familiengründung. Weitere schwierige Jahre, in denen das Paar gegen raue See ankämpfte. Und die letzten sechs in ruhigeren Gewässern: Ablösung von den Kindern und das Wiedererstarken der Beziehung

Auch Hochzeitsmessen, Weddingplaner und Reiseveranstalter haben die romantischen Sehnsüchte ihrer Kunden erkannt und sich auf die Ehe-Erneuerung spezialisiert. Im Internet können etwa All-Inklusiv-Angebote in Las Vegas gebucht werden. In der Heiratshauptstadt der Welt erneuern nach Angaben der Anbieter jedes Jahr bis zu 45 000 Paare ihr Eheversprechen. Die Liste der Angebote ist lang: Venezianische Gondelhochzeit, Heiraten mit Elvis oder Marilyn Monroe oder Zeremonie im Grand Canyon. Nach der Eheerneuerung gibt es eine Urkunde die bestätigt, dass das Paar «Ich liebe dich noch immer» gesagt hat.

Buchautor Heer kritisiert pauschale «Ehe-Erneuerungs»-Angebote. Die Anbieter spielten mit den Sehnsüchten ihrer Kunden. Viele Paare seien mit nostalgischen Emotionen und salbungsvollen Worten verführbar. Deshalb sei es ratsam, Dienstleistungsangebote in diesem Bereich gut zu prüfen. Besser sei es wie bei Zellwegers, die Zeremonie und das Fest zusammen vorzubereiten. Dies verbinde schon im Vorfeld. Zudem könnten mit dem Programm die Eigenheiten der Beziehung unterstrichen werden. «Das ist ähnlich wie bei den Hochzeiten selbst», sagt Heer. Sie würden mit Pathos zum «schönsten Tag im Leben» hochstilisiert. Hier könne man zeigen, wer man ist und was man hat. Vom Trend zu prunkvollen Festivitäten und teilweise gar jährlichen Eheerneuerungen profitiert auch ein stark wachsender Wirtschaftszweig: die Hochzeitsindustrie. Gemäss Schätzungen ist eine bescheidene Hochzeit etwa ab 25 000 Franken zu haben. Nach oben gibt es keine Grenze. Experten schätzen, dass in der Schweiz etwa eine Milliarde Franken jährlich fürs Heiraten ausgegeben wird. Tendenz steigend. Und auch für Zellwegers ist klar: Sie werden sich bestimmt noch nicht zum letzten Mal das Jawort gegeben haben.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017