Dr. Klaus Heer

Aargauer Zeitung vom 23. Dezember 2013
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Einchecken, ein Wochenende im Hotel verbringen – und man ist geschieden.

In den Niederlanden hat Jim Halfens die unkomplizierte Scheidung als Geschäftsmodell entdeckt. Bis zu 5000 Euro kostet die schnelle Scheidung made in Holland. Der bekannte Schweizer Paartherapeut Klaus Heer kritisiert solche Express-Scheidungen.

VON ISABELLE FRÜHWIRT
Verheiratet einchecken, wenige Tage später geschieden auschecken: Jim Halfens, Chef des Divorce Hotels in den Niederlanden, hat schon fast hundert Paaren eine schnelle, professionelle Trennung ermöglicht. An einem Wochenende, das ist sein Versprechen, erledige er mit seinem Team aus Anwälten, Psychologen und Notaren die Scheidung, schreibt der «Tages-Anzeiger».

Man könnte glauben, dass Jim Halfens allerlei Anekdoten von fliegenden Vasen, Streitigkeiten in der Lobby oder knallenden Türen in petto hat. Im Gegenteil: «Wer sich streiten will, ist bei uns falsch», erklärt Halfens. Deshalb sollten die Emotionen schon abgekühlt sein. «Wir wollen Paaren helfen, die wissen, was sie wollen», sagt er.

Nach Weihnachten wird mehr geschieden
Halfens Angebot nehmen vor allem viel beschäftigte niederländische Geschäftsleute in Anspruch. Jede Woche bekomme er Dutzende Anfragen von scheidungswilligen Eheleuten. Nach Weihnachten und nach der Ferienzeit sei der Bedarf besonders gross. Sich in einem der sechs Hotels, mit denen Halfens kooperiert, scheiden zu lassen, ist jedoch nicht für alle Paare möglich: «Sowohl von psychologischer Seite als auch von den Formalitäten her muss unser Team im Vorgespräch sagen können: Ja, das ist realistisch in zweieinhalb bis drei Tagen.» 3000 bis 5000 Euro kostet ein Wochenende – psychologische Betreuung inklusive.

Nicht jedermann ist begeistert von Halfens Geschäftsmodell. So bemängeln beispielsweise Mediatoren, dass zwischen der Beratung durch einen Anwalt und der endgültigen Entscheidung immer noch Zeit zum Nachdenken sein sollte.

Paartherapeut Heer kritisiert Express-Scheidung
Auch der bekannte Paartherapeut Klaus Heer hat seine Vorbehalte gegenüber einer schnellen Hotel-Scheidung: Wer eine intime Bindung mit Gefühlen wie Enttäuschung, Wut, Schmerz und Verzeihen auflösen will, braucht Zeit. «Es ist deutlich anspruchsvoller, eine intime Bindung aufzuheben als eine solche zu knüpfen.» Zudem würden es die meisten Paare nicht schaffen, die psychische Verarbeitung zeitlich aufeinander abzustimmen. Einer der beiden ist langsamer als der andere, so Heer. «Während der eine noch an der Loslösung laboriert, drängt der andere schon aus der Ehe hinaus.» Heer bezweifelt, dass ein simples Vorgespräch zuverlässig abzuklären vermag, dass beide Partner wirklich reif sind für eine Express-Scheidung.

Trotzdem denkt Divorce-Hotelchef Halfens schon weiter: In Zukunft will er die Türen seines Divorce Hotels auch ausländischen Paaren öffnen. Schliesslich würden sich mittlerweile Interessierte aus aller Welt melden, so Halfens.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017