Dr. Klaus Heer

St. Galler Tagblatt vom 20. Dezember 2013
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«Oh du Streitsüchtige»

An Weihnachten hat gesellige Idylle zu herrschen. So zeigen Werbung und Film es vor. Doch in Realität können die Festtage im Verwandtenkreis zu Krisentagen werden. Wie sich familiäre Minenfelder umgehen lassen.

VON DIANA BULA
Mutter tendiert zu Fondue Chinoise. Tante Rosa ist jedoch zu ungeduldig dafür. Sie will alles auf einmal auf den Teller: Filet im Teig, Kartoffelgratin und Gemüse. Die Kinder bevorzugen Käsefondue, Grossvater liebäugelt mit Raclette. Manche Familien zanken sich bereits wegen des Weihnachtsmahls. Andere darüber, wo die Feiertage denn nun verbracht werden, ob die Lametta silber- oder goldfarben sein soll. Oder ob es tatsächlich einen Kübel mit Wasser neben dem Weihnachtsbaum braucht – für den Notfall. Und liegt unter der Tanne nicht das erhoffte Geschenk, hängt der Familien- oder Paarsegen erst recht schief.

Die Partnerschaft leidet
An Weihnachten kommen viele Menschen zusammen und mit ihnen verschiedene Vorstellungen. Da erstaunt es nicht, dass in dieser Zeit auch gestritten wird. Die britische Scheidungsanwältin Deborah Jeff hat 3000 Paare befragt. Viele gaben an, sich im Dezember besonders oft in den Haaren zu liegen. Genauer: viermal täglich. Als Ursache nannten die Paare unter anderem die Auswahl der Geschenke oder die Koordination von Familienbesuchen. 20 Prozent der Paare würden während der Feiertage erwägen, sich zu trennen, fand das Team um Deborah Jeff heraus. 23 Prozent der Befragten erinnerten sich denn auch, an Weihnachten schon einmal vor einem Beziehungsaus gestanden zu haben. «Wenn eine Partnerschaft bereits unter mangelnder Kommunikation oder zu wenig Zeit für den anderen leidet, werden diese Probleme in einem Monat noch verstärkt, in dem es eher darum geht, Familie und Freunde glücklich zu machen», sagte Jeff gegenüber «Daily Mail».

Leere mit Kultur füllen
In Ruedi Osterwalders Praxis in St. Gallen läuft es derzeit rund. «Viele Klienten haben Angst davor, was sein wird, wenn die Familie in ein paar Tagen zusammenkommt», sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH. Osterwalder rät ihnen: Schwelende Konflikte über Weihnachten ruhen lassen und versuchen, gemeinsam ein paar schöne Tage zu verbringen. Andere Patienten fürchten sich nicht vor Kontakt – sie erhoffen sich ihn und warten darauf, dass Verwandte oder Bekannte, von denen sie lange nichts mehr gehört haben, sich melden. «Selber werden sie jedoch nicht aktiv. Passiert dann nichts, sind sie enttäuscht.» Osterwalder erzählt von einer dritten Gruppe Patienten. Von jenen, die an den Festtagen das Spirituelle vermissen. «Das Weihnachtsfest ist im Kommerz steckengeblieben, der Hintergrund ist verloren gegangen.
«Das Weihnachtsfest ist im Kommerz steckengeblieben. Manche fühlen sie deshalb unerfüllt»

Ruedi Osterwalder
Psychotherapeut

Manche erachten diese Zeit deshalb als sinnlos und fühlen sich unerfüllt», beschreibt der Psychotherapeut. Die freien Tage mit Inhalt füllen, empfiehlt er in solchen Fällen. «Vielleicht einen Gottesdienst besuchen, ein Konzert oder eine Lesung geniessen, Sport machen, sich mit Freunden treffen – je nach Interessen.»

Traumwelt prallt auf Realität
Der Berner Paar- und Familientherapeut Klaus Heer, vor ein paar Tagen 70 Jahre alt geworden, gönnt sich an Feiertagen Rückzugsmomente – mehr als früher. «Ich lese daheim oder fahre mit dem Zug zum Beispiel nach Lugano.» Er verbringe Weihnachten wie andere freie Tage. «Dieses Fest ist nichts Besonderes für mich. Und weil ich keine Erwartungen habe, werde ich auch nicht enttäuscht.»
Werbung und Film zeichnen ein anderes Bild. Sie inszenieren Weihnachten als ein Fest des Lichts und der Liebe, als eine Zeit, in der Familien und Freunde zusammensitzen, sich freudig von den neusten positiven Wendungen im Leben erzählen, sich umarmen und lachen. Als «emotionale Sauce» triefe das Schöne «aus der Tube des Kommerzes», sagt Heer. «Vor diesem Hintergrund wird offensichtlich, wenn es in der eigenen Beziehung an Liebe und Wärme fehlt.» Die Abweichung von Traumwelt und Realität sei das Heimtückische an Weihnachten. «Diffuse Intimitätssehnsüchte» würden geweckt, ähnlich wie in den Ferien. Doch an Heiligabend lasse sich die Beziehungsqualität nicht per Knopfdruck veredeln: «Es blühen nicht plötzlich Blumen, wenn man den Garten während des Jahres vernachlässigt hat.»

Wein macht Familie erträglich
Weihnachten kann aufdecken, wie mies es um Liebe oder Freundschaft steht. Da kommt ein Glas Wein – oder zwei, drei, vier – manchen gelegen. «Alkohol stumpft ab. Das hilft ihnen, ein frustrierendes Familientreffen zu überstehen, kann aber zu Diskussionen führen. Etwa wenn der Wein müde macht und man sich früh verabschieden muss», sagt Heer. Andere werden unter Alkoholeinfluss aggressiv, sie teilen verbal aus. «Das verstösst gegen das oberste Weihnachtsgesetz: Harmonie um jeden Preis.» Die ungeliebte Schwiegermutter, den nervigen Ex- Mann, die interne Budgetpolitik, die grösser werdenden Speckröllchen oder Debatten über Religion und Erziehung: Laut Heer lässt man an Weihnachten besser die Finger von heiklen Themen, denen man während des Jahres nicht gewachsen war.
«An Heiligabend lässt sich die Beziehungsqualität nicht plötzlich per Knopfdruck veredeln»

Klaus Heer
Paar- und Familientherapeut

Wer seine Unzufrieden- oder Gereiztheit auf den Feiertagsstress abschiebt, ist laut dem Therapeuten unehrlich. «Gesteht man sich hingegen seine zu hohen Erwartungen ein und anerkennt, dass die Vorstellungen über solche Abende unterschiedlich bis sehr unterschiedlich sind, ist das Problem bereits zur Hälfte gelöst.» Hilfreich sei zudem eine zielgerichtete Kommunikation und frühzeitige Organisation. Heer kann nicht verstehen, dass im Büro täglich Planungssitzungen stattfinden, vor Weihnachten aber kaum jemand eine Familienkonferenz einberuft. «Dort liesse sich bereden, was am letzten Fest nicht geglückt ist und was sich diesmal anders machen liesse. Auch im Privaten ist verhandeln unverzichtbar – und zwar schon lange vor dem 24. Dezember.»

Christbaum ohne Cousin Alex
Konzentrieren sich Werbung und Film auf die vereinte Familie um den Weihnachtsbaum, brauchen in Wirklichkeit viele eine Auszeit vom feierlichen Geschehen. Manchmal genügen ein paar Minuten im Freien. Andere verbringen den Heiligabend lieber alleine in einer Bar oder verreisen, um sich den sozialen Verpflichtungen zu entziehen. «Abstand ist für eine Beziehung ebenso wichtig wie Zuneigung», sagt Heer. Wer jedoch glaubt, mit einem Flug nach Mexiko die Weihnachtsmaschinerie hinter sich zu lassen, der irrt. In der Hotellobby steht ein übergrosser Weihnachtsbaum, aus einem Lautsprecher ertönt «Jingle Bells». Bei dreissig Grad im Schatten wirkt diese Szenerie aufgesetzter als daheim. Doch immerhin ist Cousin Alex, mit dem man sich an Heiligabend stets streitet, weit weg.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017