Dr. Klaus Heer

20minuten vom 20. März 2014
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«Die ganze Liebesenergie wandert auf das Handy ab»

«Quizduell» spielen, Mails checken und WhatsApp-Nachrichten senden: Smartphones sind für Beziehungen fast so gefährlich wie Affären.

VON DÉSIRÉ POMPER
Abends beim Italiener mit dem Liebsten. Das Handy vibriert. Das Ratespiel «Quizduell» fordert zum Spielen auf. «Nur noch diese Runde, Schatz.» Später im Bett. Das Handy piepst. Ein SMS? WhatsApp? Oder ein wichtiges Geschäftsmail? «Lass mich das schnell checken.» Nicht mal nach dem Sex ist Ruhe. Statt der Zigarette danach wirft man noch einen letzten Blick aufs Handy. Das macht gemäss einer amerikanischen Studie immerhin jeder Fünfte.

«Handys sind regelrechte Beziehungskiller», sagt Paartherapeut Klaus Heer. Paare suchen zunehmend bei ihm Hilfe, weil sich ein Partner wegen der Handysucht des anderen vernachlässigt fühlt. «Viele haben das Gefühl, sie lebten in einer Dreiecksbeziehung», so Heer. Permanent sei ein Dritter dabei: im Bett, am Tisch, in den Ferien. «Die ganze Liebesenergie wandert aufs Handy ab.» Auch Paarcoach Norina Bräm Wolf behandelt zunehmend Betroffene. «Affären kann man nicht nur mit einer Person, sondern auch mit dem Job oder sogar mit dem Handy haben», sagt sie. Man könne ihm gegenüber sogar Eifersucht empfinden.

Man habe verlernt, durch Kommunikation mit seinem Partner die gleiche Spannung zu erzeugen wie mit dem Handy. «Ohne viel zu investieren, bietet das Handy sehr viel. Man kann die Befriedigung ohne Vorarbeit sofort abrufen.» In einer Beziehung aber gehe das natürlich nicht. Damit das Handy nicht zum Beziehungskiller wird, rät Heer, Regeln aufzustellen: «Ein Handyverbot am Tisch kann sinnvoll sein. Auch das Schlafzimmer kann zur handyfreien Zone erklärt werden.»


Ergänzungen aus der Online-Version des Artikels:

Nur eine Reizquelle reicht nicht mehr aus

Auch Bräm behandelt zunehmend Paare mit Handyproblemen. Kürzlich hat sie ein Paar betreut, das sogar während der Beratung nur via WhatsApp kommunizierte. Bräm glaubt, dass die Propagierung des Multitasking mitschuldig ist an dieser Entwicklung. «Viele haben das Gefühl, dass sie alles gleichzeitig machen können: vor dem TV sitzen, mit der Kollegin schreiben und mit dem Partner ein Gespräch führen.» Multitasking habe dazu geführt, dass eine einzelne Reizquelle heutzutage nicht mehr ausreiche. «Wir langweilen uns extrem schnell. Wenn es nicht mehr spannend ist, dann hören wir einfach damit auf.» Das Handy sei ein äusserst bequemes Instrument: «Ohne viel zu investieren, wird einem sehr viel geboten. Ich kann die Befriedigung ohne Vorarbeit sofort abrufen.» In einer Beziehung aber, gehe das natürlich nicht. «Man hat verlernt durch die Kommunikation mit seinem Partner die gleiche Spannung zu erzeugen, wie mit seinem Handy.»

«Divorce Your Phone»-Bewegung

Damit das Handy nicht zum Beziehungskiller wird, rät Heer, gemeinsam Regeln zu erfinden. «Ein Handyverbot am Tisch kann sich aufdrängen. Auch das Schlafzimmer erklärt man mit Vorteil zur handyfreien Zone.» Die neuen Regeln müssten schriftlich festgehalten werden, wie in einem Vertrag. Mit Unterschrift. Heer: «Das schafft Klarheit in der Abmachung und ist verbindlicher als ein mündliches Versprechen.»

Auffallend sei allerdings, wie uneinsichtig die Betroffenen oft seien, stellt Heer fest: «Ein Raucher weiss, dass er süchtig ist. Ein exzessiver Handygebrauch dagegen wird als harmlos abgetan.» Das mache eine notwendige Veränderung fast unmöglich.

Zu einem radikalen Schritt rät Pastor Jarrid Wilson. Der Amerikaner hat sich entschieden, sich von seinem iPhone 5 scheiden zu lassen, um seine Ehe zu retten. «Mein iPhone ist extrem clever, lustig, zuverlässig und informiert mich über die neusten Trends», schreibt er. Aber es vergifte seine Ehe. «Dabei verdient es meine Frau, die Nummer eins in meinem Leben zu sein.» Alle Menschen seien in einer gewissen Art und Weise mit ihrem Handy verheiratet, sagt Wilson. Dagegen will er ankämpfen und hat dafür die «Divorce Your Phone»-Bewegung ins Leben gerufen.
YouTube-Parodie: «I Forgot My Phone»
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017