Dr. Klaus Heer

Blick vom 12. April 2014
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«Der Hormonrausch ist hinreissend»

19 Jahre Beziehung. Dann der Seitensprung. Ist das normal? Paartherapeut Klaus Heer erklärt.

INTERVIEW: CINZIA VENAFRO
Warum sucht sich Mann oder Frau nach langen Beziehungen eine Affäre?
Klaus Heer: Daheim glaubt man, einander zu kennen. Und Bekanntes wird mit der Zeit langweilig. Darum ist das Glücksgefühl riesig, wenn man wieder einmal in die leuchtenden Augen eines Fremden schauen kann. Allerdings sagen fast alle Untreuen, sie hätten das ausserhäusige Abenteuer nicht gesucht – es hätte sie gefunden.

Was gibt einem die Affäre?
Sie bringt genau das, was man in der angestammten Beziehung vermisst: die abenteuerliche Power der Verliebtheit. Der Hormonrausch ist hinreissend, gleichzeitig macht er aber auch nahezu kopflos.

Vera Dillier ist nach 19 Jahren betrogen worden. Gibt es eine Beziehungsdauer, ab der Seitensprünge vermehrt passieren?
Nein. Niemand ist gefeit davor, betrogen zu werden. Am wenigsten jene, die mitnichten damit rechnen.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Früher gingen Männer vermehrt fremd. Die Frauen sind aber mächtig am Aufholen.

Sind ältere Männer anfälliger für Affären?
Möglich. Der Marktwert von Männern mit grauen Schläfen ist tatsächlich höher als jener von älteren Frauen. Die unerfüllten Liebessehnsüchte sind aber bei beiden Geschlechtern gleich stark.
Sind Sie in Ihrer Arbeit oft mit Seitensprüngen konfrontiert?
Sehr oft. Seitenspringende Männer und Frauen unterschätzen für gewöhnlich die Sprengkraft der Untreue. Deshalb sind viele Paare häufig überfordert vom Treuebruch.

Wie kann man als Paar eine Affäre überstehen?
Mutige und tapfere Paare sind im Vorteil. Wer sich nicht vom Trümmerfeld und von der Druckwelle der Emotionen abschrecken lässt, hat die besseren Chancen. Am schwersten auszuhalten ist, wenn man sich der Liebe des Gegenübers nicht mehr sicher sein kann.

Wie kann ein Paar den Sex auch nach Jahren noch spannend gestalten?
Sex ist wie ein gemeinsamer Garten. Beides braucht unermüdliche Zuwendung, immer und immer wieder. Und zwar gemeinsam. Ein Paar, das sich unbeirrbar körperlich liebt, schenkt sich Aufmerksamkeit. Diese ist dann auch da, wenn der Garten gerade nicht blüht.

Ist es eigentlich ratsam, Kontakt zum Nebenbuhler zu suchen?
Nein. Häufig entwickeln die Betrogenen sogar eine viel engere Bindung zum Rivalen als der Fremdgeher selbst. Das macht alles noch viel komplizierter. Klärungsbedarf gibt es einzig innerhalb der angeschlagenen Zweisamkeit. Da hat der oder die Dritte nichts zu suchen.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017