Dr. Klaus Heer

SonntagsZeitung vom 8. Juni 2014
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«Liebe und Lügelei»

Um Kunden Alibis zu verschaffen, fälscht Stefan Eiben Facebook-Einträge, Websites, SMS und Fotos

VON SIMONE LUCHETTA
Thomas Klose leidet an einer Erschöpfungsdepression und verlässt deshalb seine Freundin. Er wechselt den Job, zügelt von Bremen nach Hannover, lernt dort eine neue Frau kennen und zieht mit ihr zusammen. Dann läuft dem Unternehmensberater die Ex erneut über den Weg. Er nimmt die Beziehung wieder auf, will die neue aber nicht aufgeben. In dieser «Notsituation», in der keine Frau von der andern weiss, müssen stichfeste Alibis her. Die holt er sich bei Stefan Eiben, der das Täuschen zum Geschäft gemacht hat.

Uneheliche Kinder, ein ödes Familienfest oder eine Affäre im Büro – Gründe für Ausreden und Notlügen gibt es viele. Aber als erster weltweit ist vor 15 Jahren der Bremer Eiben auf die Idee gekommen, sie gegen gutes Geld zu verkaufen; manche buchen auf seinem Portal Alibi-Profi.de Lügen gleich im Abo. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige. Eiben, 39, Typ Traumschwiegersohn, lächelt freundlich: «Ich verschaffe den Menschen wieder den Freiraum, der ihnen zusteht.»

«Der Hammer» war das getürkte Foto vom Roten Platz

Denn «die absolute Kontrollseuche Facebook» und die Dauererreichbarkeit durchs Handy, sagt er mit feiner Stimme, führten dazu, dass den Leuten immer mehr Freiheiten abhandenkämen und Lebensqualität verlorenginge. Ein Umstand, von dem er letztlich profitiert: «Viele Kunden wollen auch ganz einfach mal ein freies Wochenende beim Angeln verbringen, ohne sich gleich rechtfertigen zu müssen», sagt er bei einem Kaffee in Bremen.

Für dieses Mehr an Lebensqualität blätterte vor zwei Jahren auch Ex-Kunde Klose, den wir zuvor getroffen hatten, monatlich 200 Euro hin. Dafür bekam er von Eiben alles, was er brauchte, um nicht aufzufliegen: Zertifikate und Einladungen von echten Unternehmen für fiktive Weiterbildungen. Fingierte Seminarteilnehmer, die zufällig während seiner Abwesenheit zu Hause anriefen und ihm etwas ausrichten liessen. Eine Postkarte aus Moskau von der getürkten Geschäftsreise, die daheim eintrudelte, mit seiner Handschrift und Moskauer Poststempel. Und ein Foto, das ihn auf dem Roten Platz zeigt – Photoshop sei Dank. «Das war der Hammer.» Klose muss heute noch grinsen, wenn er daran denkt.

Auch der Beziehungsstatus auf Facebook wird gefälscht

Aber Stefan Eiben zieht noch viel mehr aus seinem Zauberhut. Von der SMS für 9 Euro, die einen aus einer Sitzung holt, über die weltweite Briefkastenmiete ab 29 Euro bis zur Alibipauschale für 350 Euro im Monat ist alles möglich. Dazugekommen sind Angebote rund um Facebook. So fälscht Eiben Profile so, dass etwa nicht alle Besucher denselben Beziehungsstatus sehen. Oder er liefert virtuelle FB-Freunde, die mit dem Kunden auf der Plattform interagieren. Überhaupt präpariert er manche Website so, dass Kunden und ihre Partner dort anderes zu lesen bekommen als die restlichen Besucher. Der Sozialmuffel kann bei Eiben «Freunde» aus Fleisch und Blut buchen, um auf der Party zu glänzen, das schwule Muttersöhnchen findet eine Alibifreundin, der arbeitslose Banker eine Scheinanstellung samt Visitenkarte. Neu sind auch Doktor- oder Grafentitel zu haben, alles ganz legal.

Die meisten Kunden seien zwischen 30 und 55 Jahre alt, erzählt der Mann im hellblauen Poloshirt, «darunter Studenten, Rechtsanwälte, Polizisten und Hausfrauen, aber auch spielsüchtige oder schwerkranke Menschen». Sie kommen aus Deutschland, Österreich und «etwa vier Anfragen pro Woche» aus der Schweiz. Langzeitkunden sind ebenfalls in der Kartei; einer habe seit 18 Jahren «fast zwei Familien», halb so lange beanspruche er schon Eibens Hilfe.

Auf die Geschäftsidee brachten den Webdesigner vier Freunde, die ihm eines Abends alle absagten – wegen ihrer Freundinnen. Alibis müssen her, dachte er und bot daraufhin kurzerhand aus Jux in einer Zeitung welche an. Der Rücklauf war so gross, dass er sich entschloss, das falsche Spiel mit der Wahrheit zum Beruf zu machen.

Heute zählt die Agentur vier Mitarbeiter, die sich um die Kunden kümmern, und Hunderte Helferinnen und Strohmänner auf der ganzen Welt. Besonders stolz ist er auf sein weltweites Netz kleiner Firmen, deren Chefs ihm für seine Lügengeschichten kostenlos Hand bieten, auch in der Schweiz. «Alles ehemalige Kunden», gluckst der Lügenbaron. Heute schüttelten seine Leute vieles einfach aus dem Ärmel, kreative Teamarbeit sei das. Und: «Es gibt kein Problem, das wir nicht lösen können.» Bis heute sei noch nie ein Alibi aufgeflogen.

Die meisten Doppelwelten sind erotischer Natur

Je länger man vom endlos scheinenden Geschichtenrepertoire hört, desto mulmiger wird einem zumute. Würde man selbst den Trug erkennen (siehe Seite 61)? Und ist Klose tatsächlich ein Ex-Kunde? Oder einfach einer von Eibens Strohmännern?

Die schillernden Geschichten doppelter Existenzen faszinieren. Vielleicht weil wir wissen, dass auch irgendwo in uns ein Verlangen nach etwas steckt, das sich von dem unterscheidet, was wir nach aussen leben. Und sei es bloss die heimliche Zigarette oder der verstohlene Shoppingrausch. Wie viele Menschen wirklich ein Geheimdasein führen, ist naturgemäss nicht bekannt. Die meisten Doppelwelten aber sind erotischer Art, weiss Klaus Heer, Paartherapeut und Autor aus Bern. Häufig seien auch Spielsucht und Geldverschwendung Thema in seiner Beratung.

Was aber treibt glücklich wirkende Menschen dazu, eine klandestine Existenz aufzubauen? «Interessanterweise sagen fast alle, sie hätten ‹das nicht gesucht›. Aber gefunden haben sie es alle. Sie sind hineingeschlittert, weil sie unbemerkt dafür offen waren», sagt Heer.

Auch Alibikunde Klose, dessen richtiger Name anders lautet, hätte nie gedacht, dass ihm «so was» passiert. Der heute 25-Jährige hat keiner Seele von seiner Doppelspurigkeit erzählt, schon gar nicht von Alibi-Profi.de, «sicher ist sicher». Gemacht hat er das Ganze, weil er «herausfinden wollte, ob es mit der alten Liebe nicht doch klappen könnte».

Von der «Doppelmoral der Gesellschaft» profitieren

Von «hedonistischen Genüssen», die sich Leute ausserhalb verschaffen, ohne ihr Zuhause zu gefährden, spricht der Experte Heer: «Für sie bedeutet es einen Kick, auf einen Nenner zu bekommen, was eigentlich unvereinbar ist.» Auch sei ein Doppelleben ein halbherziger Versuch, sich dem Verlust der eigenen Identität zu widersetzen, den eine enge Beziehung mit sich bringen kann. «Mithilfe eines grossen Geheimnisses schützen sie ihre Identität.»

Die meisten brechen ihr Doppelleben irgendwann ab – weil es auffliegt oder die Situation zu anstrengend wird. Innen seien Schuldgefühle und Ängste schwer zu ertragen, aussen drohe Stress von allen Seiten, so Heer. Schädlich aber seien grosse Geheimnisse nicht, selbst wenn sie Jahre dauern. Vielmehr erwachse die Sehnsucht, die Verwicklungen loszuwerden, um wieder durchatmen zu können.

Präzis hier setzt Stefan Eibens Service an. Er sieht sich deshalb auch als eine Art Wohltäter, der Leidenden den Druck nimmt. Wer zu Alibi-Profi.de komme, dem gehe es zunehmend besser. Die Kunden müssten sich um nichts mehr kümmern: «Wir lügen ja für sie.» Auch Klose wusste das zu schätzen: «Ich konnte wieder ohne Kopfzerbrechen meine Wochenenden verbringen.»

Ein schlechtes Gewissen hatte Klose nicht, weil er die Frauen betrogen hat: «Vielleicht ein bisschen», wenn er am Sonntagabend neben der einen im Bett lag. Trotzdem gab er nach einem halben Jahr das heimliche Dasein auf, weil er merkte, «dass man Vergangenes vergangen sein lassen sollte». Heute ist er wieder Single, würde beim Meister der Täuschung aber nochmals Hilfe holen, «wenn es sein muss».

Dieser will den Vorwurf, dass er sich an der Feigheit und Schwäche der Menschen eine goldene Nase verdiene, nicht gelten lassen: «Ich würde eher sagen, ich profitiere von der Doppelmoral unserer Gesellschaft.» Auch Therapeut Heer giesst kein Wasser auf die Mühlen der Moralisten. Nicht die Firmen trügen die Verantwortung, sondern diejenigen, die die Dienste beanspruchten: «Wo es eine Nachfrage gibt, entsteht ein Angebot.»
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017