Dr. Klaus Heer

wir eltern von Oktober 2014
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«Die Liebe hat wenig Chancen»

Wenn Kinder kommen, ist das Liebespaar passé, verwelkt, verdorrt. Alle wehren sich dagegen, meist erfolglos, sagt Paartherapeut Klaus Heer.

INTERVIEW: ANITA ZULAUF
wir eltern: Ich liebe meinen Mann mehr als meine Kinder. Was sagen Sie zu dieser Aussage?
Klaus Heer: Der Satz ist eine Provokation. Eine Ohrfeige für die zügellose Kinderver­zückung, die unsere Kultur erfasst hat.

Wegen diesem Zitat der Autorin Ayelet Waldman fühlte sich die Mütterpolizei, wie Waldman es nennt, provoziert, sie wurde übelst beschimpft. Woher kommt diese Wut?
Es ist der Zorn der Müttermafia auf die wenigen Frauen, die das Unaussprechliche auszudrücken wagen: nämlich dass Mutter­schaft die Beziehung strapazieren kann.

Hätte dieselbe Aussage eines Mannes auch zu solchen Reaktionen geführt?
Nein, nicht ganz. Wenn ein Mann bekennen würde: Ich liebe meine Frau mehr als meine Kinder, hiesse es: Typisch Mann, zum Glück haben diese Kinder noch eine gute Mutter. Also wäre ein solcher Vater nur halb so schlimm.

Die Französinnen, sagt man, schaffen das Kunststück, bleiben Geliebte, sexy, attraktiv, verführerisch, trotz Kinder. Wahrheit oder Lüge?
Französische Mütter stellen offenbar ihre Kinder nicht so entschieden in das Zentrum ihres Lebens wie Mütter anderswo. Sie be­mühen sich deutlicher um ihre eigenen Bedürfnisse, Beruf, Hobby und so weiter. Dafür nehmen sie ungenierter öffentliche Kinderbetreuungsangebote in Anspruch. Und sie pflegen gewöhnlich einen rüderen Umgang mit ihren Kindern als wir uns das hierzulande gewöhnt sind. Augenscheinlich sind das kulturelle Unterschiede. Das heisst aber keinesfalls, dass Französinnen zu Hause die betörenderen Liebhaberinnen wären, wie es das Klischee wahrhaben will.

Bedingungslose Kinderliebe vor Erotik. So sieht die neue Zeitrechnung nach der Geburt der Kinder aus. Was machen wir falsch?
Kein Paar will sein erotisches Glück der Kinderliebe opfern. Es passiert einfach. Die Schwerkraft der Kinder beendet den Höhen­flug der Erotik. Beinahe naturgesetzmässig. Kinder machen aus dem Liebespaar ein Elternpaar. Das Liebespaar ist passé, verwelkt, ver­dorrt. Alle wehren sich mit allen Kräften gegen diese Mutation – eigentlich immer erfolglos.

Ist der Niedergang der Paarliebe wirklich fast unabwendbar?
Ja. Denn was nicht genährt, gepflegt, umsorgt wird, serbelt unweigerlich. Sobald Kinder da sind, verlagern sich die Liebes­ Investitionen eklatant in Richtung Kinder, weg vom Paar. Ich weiss nicht sicher, ob diese Verschiebung vermeidbar wäre. Fast allen Paaren gelingt es fast, mich zu über­zeugen, dass «wirklich keine Zeit mehr» bleibt für etwas anderes als Kinder, Beruf und Haushalt. So sackt das Paar ab auf die untersten Ränge der Prioritätenliste.
«Kein Paar will sein erotisches Glück opfern. Es passiert einfach.»
Früher haben Mütter die Kinder um halb zwei vor die Tür gesetzt und gesagt, wir sehen uns zum Nachtessen wieder. Heute bekommt das Kind rund-um-die-Uhr-Aufmerksamkeit. Lieben die heutigen Eltern ihre Kinder einfach mehr?
Mehr nicht, aber ganz anders als noch vor ein paar Jahrzehnten. Heute machen viele Eltern ihre Kinder zu einem egozentrischen Le­bens­-Projekt, das sie mit grosser Perfektion vorantreiben. Besonders die Mütter wenden unendlich viel dafür auf, damit das Unter­ nehmen Kind unter allen Umständen gelingt. Also tun sie alles, alles, alles für die Kinder. Sie wollen unbedingt ihre eigenen Vorstellungen vom glücklichen Kind realisieren. Nicht überraschend, dass das nicht gelingt. Dieser Frust belastet dann natürlich die Mann-­Frau­-Beziehung.

Also sind die Frauen wieder mal an allem Schuld.
Sie sind hälftig zuständig für diese Fehl­entwicklung. Denn diese Verschiebung der Liebe ist eine gemeinsame ideologische Ent­scheidung der Eltern. Allerdings sind es eben meist die Mütter, die sie in die konkrete Tat umsetzen. Zum Nachteil beider.

Ginge es nach den Männern, wäre also tatsächlich alles anders?
Viele Männer glauben das wirklich. Doch sie täuschen sich. Zum Beispiel weil sie Liebe mit Begehren und Begehrtwerden verwechseln.
Vielleicht fänden Frauen ihre Männer auch sexier, wenn sie sich gleichermassen am ganzen Kinder- und Familienkram beteiligen würden.
Tatsächlich belegen Studien, dass staub­ saugende Ehemänner sexuell aktiver sind als deren Artgenossen mit den hoch­ gelagerten Beinen vor einem Monitor. Ei­nen Mann wie Ayelet Waldmans Gatten könnte ich mir indes noch sexier vorstellen, weil er zusätzlich auch noch beruflich ein Ass ist.

Die Vollkonzentration auf die Kinder ist historisch relativ neu. Wann haben die Kinder Wohn- und Schlafzimmer erobert?
Vermutlich ungefähr ab 1968. Die dama­ligen Eltern gerieten unter Beschuss, weil sie sich an ihr steifes Spiessertum klam­merten. Jetzt ging es darum, das Wesen des Kind­ und Jungseins zu erkennen und anzuerkennen. Die Psychologie half kräf­tig mit, den Fokus gründlich auf das «Wohl des Kindes» zu richten. Tendenz bis heute steigend.
«Zufrieden alt werden, das gelingt auch einigen. Aber fragen Sie mich nicht, wie.»
Wars früher also besser?
Nein. Ich selbst habe diese beinharte Ein­samkeit als Kind erlebt: Niemand in meiner Umgebung konnte sich in meine Kinderwelt hineinversetzen. Besonders in meinen Gefühlen war ich isoliert wie in einer Gefäng­niszelle – was mir allerdings erst viel später aufgefallen ist. Heute ist es so, dass man die kindlichen Bedürfnisse nicht nur wahr­ und ernst nimmt; sie werden möglichst rundum befriedigt. Auf Kosten der eigenständigen Entwicklung des Kindes und der Liebes­kultur des Paares.

Historisch ebenfalls eher neu ist auch der Anspruch auf die ewige Liebe zwischen Mann und Frau. Ist dieser Anspruch überhaupt realistisch?
Jeder Anspruch ist unrealistisch. Ansprüche und Erwartungen sind unerfüllbar und killen die Liebe. Das wird uns langsam und immer deutlicher bewusst.

Wäre es nicht um ein Vielfaches entspannender, wenn man akzeptieren würde, dass Beziehungen nicht für ein Leben halten, sondern nur eine gewisse Zeitspanne überdauern?
2007 hat die CSU-Politikerin Gabriele Pauli vorgeschlagen, man könnte eine Ehe vorerst auf sieben Jahre befristen und dann allen­ falls verlängern. Der Vorschlag wirbelte viel Staub auf, aber seither ist es wieder still. Wenn man heiratet, will man eben nicht an das mögliche oder wahrscheinliche Liebes­fiasko denken. Man wills besser machen als die anderen Paare ...

... aber es scheint unmöglich.
Es ist unmöglich. Einerseits weil jeder le­bende Organismus sterblich ist, also unsere Beziehungen auch und wir selbst ebenso.
Und andererseits weil Liebe und Ehe die Quadratur des Kreises sind. Unsere Bezie­hungsrechnungen gehen nicht auf. Unsere Liebesinvestitionen sind immer unsicher. Unsere Reise zu zweit geht ins Ungewisse, ist ein Abenteuer.

Das macht alles nicht wirklich viel Mut. Was ist zu tun? Die Liebe leben und erst dann die Kinder lieben?
Ein nicht ganz unrealistisches Abenteuer vielleicht. Man könnte die Mann­-Frau­-Liebe zum Unesco-­Biosphärenreservat erklären: hegen und pflegen und Sorge tragen, unter allen Umständen. Das würde aber eine Re­volution in unseren Köpfen voraussetzen.

Sähe die Trennungsrate anders aus?
Das könnte sein. Aber über die Auswirkun­gen einer Utopie sind kaum Prognosen möglich.

Hat die Beziehung überhaupt eine Chance, die Kinderzeit zu überdauern, bis der Nachwuchs erwachsen ist und ausser Haus?
Ja, klar. Jedes Paar gibt sich selbst diese Chance. Wir wollen miteinander alt werden, heisst die populäre Beschwörungsformel. Einigen gelingt das ja auch. Fragen Sie mich aber nicht, wie, (lacht), ich weiss es nicht.

Ich frage trotzdem: Was ist nach der Familienzeit, wie liebt man weiter, oder besser, wie liebt man wieder?
Ein gutes Paar ist wohl ein Paar, das immer wieder neu anfängt. Zwei Anfänger im nun­ mehr leeren Nest. Vermutlich besteht das Glück eines alternden Paares darin, dass ihm eine Vernunftehe zu gelingen scheint. Eine Vernunftehe mit Herz.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017