Dr. Klaus Heer

Schweizer Familie 4/2015
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«Paare brauchen Abstand»

Die Vorstellung vom ZUSAMMENLEBEN ist romantisch, die Realität meist schwierig. Zu viel Nähe belastet die Beziehung. Für Psychologe Klaus Heer ist genügend Distanz zentral. Und Langeweile das Erfolgsrezept.

INTERVIEW: BRUNO BÖTSCHI
Herr Heer, wer streitet mehr: Paare, die zusammenleben, oder Paare in zwei Wohnungen?
Zusammenwohnen ist anspruchsvoller. Mehr Nähe bringt unausweichlich mehr Reibung.

Sollte man also besser nicht zusammenziehen?
Kein Paar lässt sich von einem solchen Schritt abhalten, nur weil ein Experte dagegen wäre. Sich nahekommen und das Leben miteinander teilen ist viel zu attraktiv – vor allem in der Startphase einer Beziehung. Darum finden sich immer wieder viele Menschen, die den Mut haben, sich darauf einzulassen, und zusammenziehen. Mutig sein macht Freude.

Wie weiss man, ob es zusammen funktionieren wird?
Der Liebe ist nie nach Testen zumute. Sie ist beherzt und sagt Ja ohne Vorbehalt. Kopflos sozusagen. Niemand kann wissen, wie das Experiment ausgeht.

Man könnte doch zusammen zwei Wochen Ferien buchen in einer Wohnung und dann schauen, wie es dort funktioniert.
14 Tage Urlaub in einer romantischen Ferienwohnung – wunderbar! Aber jedermann weiss, dass so ein Test in keiner Art und Weise aussagekräftig wäre. Zwei Wochen Ferien lassen sich nicht mit jahrzehntelangem Zusammenleben vergleichen.

Wenn ich das erste Mal die Wohnung meiner Partnerin, meines Partners sehe, was kann ich daraus schliessen?
Sie bekommen einen ersten Eindruck, wie viel Aufwand und Toleranz Sie vermutlich werden aufbringen müssen, um es mit Ihrer neuen Partnerin, Ihrem neuen Partner nachhaltig gut zu haben.

Das heisst konkret?
Wenn seine Wohnkultur markant von Ihrer eigenen abweicht, wird es aufwendig für Sie. Eine übermöblierte Wohnung zum Beispiel, lange nicht geputzte Fensterscheiben, ein eigenartiger Geruch im Schlafzimmer oder eine chaotische Garderobe, all das verspricht Ihnen nahrhaft zu schaffen zu machen.

Ist es besser, gemeinsam eine Wohnung zu suchen, als wenn der eine zum anderen zieht?
Besser ja, wenn auch nicht einfacher. In ein gemachtes Nest zu steigen, verleitet zu faulen einseitigen Kompromissen, die sich später rächen. Faul sind Kompromisse immer dann, wenn sie eingegangen werden, ohne dass man sie benennt. Diese Versuchung ist kleiner, wenn ein Paar zusammen in eine neue Wohnung zieht.

Was tun, um nicht in diese Falle zu tappen?
Sie müssen die Kompromisse offen und klar als solche deklarieren. Klarheit ist fast nur schriftlich möglich. Sie sollten die Spielregeln festlegen. Das hat meistens mit Geld zu tun: Wer bekommt wie viel Raum zu welchem Preis? Das ist zwar unromantisch, aber friedenserhaltend.

Sie sagten vorhin: Die Liebe macht kopflos. In einem solchen Zustand Spielregeln schriftlich festzulegen, könnte schwierig sein.
Stimmt, es ist mühsam. Doch bedenken Sie: Es gibt kein Spiel ohne Spielregeln. Das Aushandeln von Regeln eröffnet Perspektiven in eine gemeinsame Zukunft, die verlockend sein könnte.

Welche Perspektiven?
Jede gut ausgehandelte Regel macht künftigen Zoff überflüssig. Wenn geregelt ist, wer zuständig ist für Aufgaben wie Waschen und Putzen, Einkauf und Recycling, Buchhaltung und Büro, Unterhalt von Flora und Fauna, dann hat man viel getan für verlässlichen Seelen- und Beziehungsfrieden.

Kommen wir zur Wohnungseinrichtung: Was sind da Ihre Erfahrungen?
Ich erlebe immer wieder Leute, die sich darüber beklagen, dass sie seit Jahren oder Jahrzehnten in einer gemeinsamen Wohnung leben, ohne dort wirklich zu Hause zu sein. Es ist, als ob sie in Kleidern steckten, die ihnen überhaupt nicht passen. Wenn man das sich selbst und dem Partner nicht einmal eingestehen kann, wirds enorm schwierig. Merke deshalb: Ziehe nie in eine Wohnung, in der du dich nicht wohlfühlst.

Es soll also um jedes Bild, das nicht beiden gefällt, diskutiert werden, ob und wo es aufgehängt wird?
Um das grosse Bild im Wohnzimmer, ja.

Und um ein kleines Foto nicht?
Nein. Ausser man ergötzt sich an Endlosdebatten über Kinkerlitzchen.
Wie geht man mit den Möbeln um?
Das ist oft tatsächlich ein gröberes Problem. Man kann ja selten die Möbel aus zwei Wohnungen in eine einzige pferchen. Hier müssen wohl beide Haare lassen und sich entgegenkommen. Kompromisse sind im Zusammenleben an der Tagesordnung, und man kann nie zu früh herausfinden, wie man das am besten macht. Manchmal schmerzt das richtig.

Und das liebe Geld, wie macht man das? Ist zum Beispiel die paritätische Beteiligung gemäss Einkommen an Wohnungsmiete, Ferien und anderen grösseren Anschaffungen sinnvoll?
Ein solcher Pool, der je nach der Finanzkraft der beiden proportional gespeist wird, kann tatsächlich ein Friedensgarant sein. Denn Geld ist, ob man es will oder nicht, ein Machtmittel, das in vielen Haushalten zu heillosem Gezerre führt. Budgetregelungen vermindern diese Gefahr.

Was ist noch wichtig beim Zusammenleben?
Der Alltag. Der immer wieder unvermeidlich langweilige Alltag. Er verträgt sich schlecht mit unseren Vorstellungen von einer romantischen und leidenschaftlichen Liebesbeziehung.

Wie verhindert ein Paar, dass es nach einiger Zeit nur noch routinemässig nebeneinanderher lebt?
Studien haben nachgewiesen, es ist günstig, wenn ein Paar einen stetigen internen Informationsaustausch pflegt, sich also gegenseitig auf dem Laufenden hält, was in seinem Leben läuft. Langeweile und Routine eingeschlossen. Ein solches Paar empfindet sich als gutes, sogar glückliches Paar.

In einer gemeinsamen Wohnung muss man das Zusammenleben lernen, aber auch den Abstand.
Ja genau. Und das Abstandhalten ist natürlich in der Enge einer gemeinsamen Wohnung beschwerlicher als das Zusammenkleben. Ein Liebespaar ist wie zwei Magnete. Das Aneinanderhaften ist gewissermassen sein Urzustand. Viele Paare schaffen es nicht, intern für Abstand zu sorgen. Auch nicht, wenn sie längst schwer verkracht sind – eben weil sie viel zu wenig Abstand voneinander haben.

Wenn der Abstand fehlt, besteht Gefahr von Atemnot. Wie kann ein Paar dafür sorgen, dass beide Partner genügend Sauerstoff bekommen?
Beide brauchen je einen Raum, wohin sie sich zurückziehen können.
«Ein Liebespaar ist wie zwei Magnete. Das Aneinanderhaften ist gewissermassen sein Urzustand»
Klaus Heer, Paartherapeut
Sie denken wirklich an ein eigenes Zimmer in der gemeinsamen Wohnung?
Ja. Schon jedem Vorschulkind mutet man mit Recht zu, dass es in seinen eigenen vier Wänden im eigenen Bett schläft. Aber seine Eltern sind häufig unfähig zu so viel Eigenständigkeit. Viele haben bereits den Anfang vom Beziehungsende vor Augen, wenn von getrennten Betten die Rede ist.

Studien besagen: Menschen, die zusammenleben, sind glücklicher und gesünder als Singles.
Nach meinen Informationen haben Singles eine etwas niedrigere Lebenserwartung als verheiratete Leute. Das heisst aber nicht, dass die Letzteren glücklicher sind.

Was heisst es dann?
Wer nahe zusammenlebt, dem fallen Dinge am Partner auf, die ihm missfallen: Seiten seines Lebenswandels, die ganz privat und nach aussen nicht sichtbar sind. Zum Beispiel treibt er Raubbau an sich selbst, psychisch und physisch. Oder er arbeitet oder trinkt zu viel. Oder er lebt als Sportler oder Autofahrer gefährlich.

Wenn der Partner einen unguten Lebenswandel führt, sollte man versuchen, ihn umzuerziehen?
Man kann gar nicht anders, man liebt ihn doch, höre ich oft. Aber ehrlich: Ich habe noch nie erlebt, dass derlei Umerziehungsbemühungen erfolgreich gewesen wären.

Wie sieht das ideale Zusammenleben für Sie aus?
Langweilig. Und die beiden erzählen einander immer wieder mutig von dieser Langeweile. Sie wissen: Monotonie gehört zu einer Beziehung. Partnerschaftsprobleme entstehen dadurch, dass man den anderen und die Beziehung verändern will, und nicht durch die Langeweile.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017