Dr. Klaus Heer

SonntagsZeitung vom 8. Februar 2015
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«Wers glaubt, wird paarselig»

Vor dem Valentinstag suchen noch mehr Menschen online ihre grosse Liebe

VON SIMONE LUCHETTA
Jemandem so richtig nahe sein – dieser Wunsch wird nächste Woche vor dem Valentinstag einmal mehr viele Singles ins Internet treiben und sie online nach dem perfekten Partner suchen lassen. Ob sie Erfolg haben werden, hängt da bei mehr von schlauer Mathematik ab als von ihrer Ausstrahlung.

In der Schweiz haben besonders getrennt lebende Frauen mit Kindern gute Chancen, ihr Herz stück zu finden, weiss Kelly Steckelberg: «Sie bekommen zehn Prozent mehr Nachrichten als Frauen ohne Kinder und ohne Ex-Beziehung», sagt die Chefin des US-Partnersuchportals Zoosk.

Die neue CEO ist derzeit auf Europatournee und wirbt für die nach eigenen Worten «weltweit führende» Datingplattform, die laut Singleboersen-Experten.ch hinter Lovoo hierzulande den 2 .Platz der beliebtesten Mobile-Dating-Apps einnimmt. Der hiesige Markt ist für Steckelberg besonders interessant, weil 70 Prozent aller Zugriffe über das Smartphone passieren – 10 Prozent mehr als in andern Ländern im Schnitt.

Die mobile Nutzung ist für Steckelbergs künftigen Erfolg wichtig, musste sie doch eben 15 Prozent der 200-köpfigen Belegschaft entlassen. Schuld ist die Flirt-App Tinder, die seit dem Start im Sommer 2013 bis heute in den USA den etablierten Portalen wie Match.com, Okcupid, Hinge und Zoosk das Wasser abgräbt und fast 90 Prozent des mobilen Datingmarkts übernommen hat.

Der Kampf um Marktanteile ist also voll im Gange. Dabei treibt alle dieselbe Frage um: Wie viel und welche Information ist nötig, damit aus zwei Menschen ein Paar wird? Während Tinder unverfroren simpel fragt, ob sich zwei äusserlich attraktiv finden, lassen herkömmliche Portale wie Parship oder Match.com ihre Kunden gegen 80 Fragen nach Lebenszielen, Kinderwunsch oder zur Streitkultur beantworten.

Nutzer wissen oft nicht, was sie bei einem Partner suchen

Die Abfragerei soll Liebe planbar machen. Anhand komplizierter Rechenoperationen mit leicht quantifizierbaren Merkmalen findet der Computer die Paare, die perfekt zueinanderpassen, basierend auf «einer stimmigen Balance aus Gemeinsamkeiten und Ergänzungen», wie es bei Parship heisst. Die Börsen drücken meist in einer Zahl aus, wie es um die Harmonie zweier Menschen steht. Dabei wird der Algorithmus zur Liebesformel erhoben, die die Onlinekuppler hüten wie die Appenzeller ihr Käserezept. Parship etwa verrät lediglich, dass seine Formel 136 Regeln abarbeitet.

Doch ein Onlineprofil ist immer ein Ort der Selbstinszenierung. Man tendiert dazu, sich positiver darzustellen, als es der Realität entspricht, wie Studien der University of California, Berkeley, zeigen. «Nicht alle Leute antworten ehrlich, wenn sie die Fragen beantworten», sagt auch Steckelberg. Zudem wüssten Nutzer oft nicht, was sie bei einem Partner suchen, oder sie könnten es nicht formulieren.

Deshalb setzt Zoosk, aber auch Lovoo oder Tinder auf ein Modell, das sich am tatsächlichen Verhalten orientiert statt an selbst gestalteten Profilen. «Behavioural Matchmaking» heisst die Zauberformel, an der heute bei Zoosk – das Datingportal wurde vor sieben Jahren gegründet – über 85 Ingenieure tüfteln. Dabei wertet das System in Echtzeit das Klickverhalten seiner 27 Millionen Mitglieder aus, verfolgt, mit wem sie interagieren, wen sie treffen, wen sie ignorieren. Je mehr man die App nutze, desto passender die Vorschläge, sagt Steckelberg.

Zudem sollen neu einsehbare Infografiken Aufschluss geben über das eigene Datingverhalten und die tatsächlichen Vorlieben. «Dieses Wissen können Kunden nutzen, um die Chancen auf eine erfüllte Partnerschaft zu verbessern», sagt Steckelberg.

Portale lebten einzig von der «Lust auf Aberglauben»

Das scheint bei einigen sogar zu klappen. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass sich Paare, die beim Onlinedating zusammenkommen, von anderen unterscheiden. Sie seien entschlossener, eine enge Partnerschaft einzugehen, heirateten schneller und bekämen auch schneller Kinder, sagt Guy Bodenmann, Paartherapeut und Professor am Psychologischen Institut der Universität Zürich: «Eine Studie hat gezeigt, dass sich diese Paare als zufriedener bezeichnen und auch stabiler sind.» Allerdings sei hierzu die Befundlage noch sehr dünn, sodass keine soliden Schlüsse gezogen werden könnten.

Wenig glaubt indes Klaus Heer an die «hohlen Versprechungen» der Onlinekuppler im Allgemeinen und auch nicht an die Überlegenheit des «verhaltensbasierten Matchmaking» im Besonderen. «Wers glaubt, wird paarselig», sagt der Berner Paartherapeut. Dass abstraktes Klickverhalten verwertbar sein soll für konkrete Beziehungsprognosen widerspreche zweifellos gesundem Menschenverstand. Diese Portale würden einzig von der «Lust auf Aberglauben» leben – und das nicht schlecht – und seien «nichts anderes als simple Paarungsmarktplätze ohne die Spur einer realen Aussicht auf eine geglückte Liebesgeschichte». Was viele nicht davon abhält, vor Valentin ihr Glück zu versuchen.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017