Dr. Klaus Heer

20minuten vom 20. Februar 2015
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«Verzicht aufs Kondom wird zum Vertrauensbeweis»

Viele Paare haben sehr früh Sex ohne Kondom, um sich Vertrauen zu signalisieren, zeigt eine US-Studie. Experten aus der Schweiz kennen das Problem.

VON CÉDRIC KNAPP
Je länger eine Beziehung dauert, desto seltener verwendet man Präservative. Das hat eine am Montag veröffentlichte Studie des amerikanischen Kondomherstellers Trojan ergeben. Bei der Befragung von 1000 Personen im Alter zwischen 18 und 34 fiel auf, dass die meisten Paare Präservative nach einer gewissen Zeit absetzen – ohne Gespräche oder Abklärungen. In 62 Prozent der Fälle trete diese Kondom-Klippe nach spätestens zwei Monaten auf.

Der Sprecher von Trojan, Matthew Hussey, führt das Phänomen auf einen emotionalen Entscheidungsprozess zurück: «Die meistgenannten Gründe zur Absetzung des Kondoms waren Vertrauen, Exklusivität und Hingabe.» Für ihn sei das absurd. Den Gedanken «wir sind jetzt genug lange zusammen und ich vertraue dir, lassen wir deshalb das Kondom weg» könne er nicht nachvollziehen. Denn das Vertrauen in den Partner habe einen hohen Preis: 60 Prozent der Befragten gaben an, noch nie auf Geschlechtskrankheiten getestet worden zu sein.

«Emotionen kommen vor der Logik»

«Blindes Vertrauen ist ein Problem. Es gibt vor allem bei jungen Paaren viele, die zu unvorsichtig sind und zu viel riskieren», sagt die Sexualpädagogin Rita Schriber. Sie könne sich deshalb gut vorstellen, dass es eine Kondom-Klippe gebe. «Bei frisch Verliebten besteht die Gefahr, dass die Logik verlorengeht. Sie stellen manchmal Herz vor Kopf und sind überschwemmt von Gefühlen.»

Laut Katharina Antonietti von der Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität ist bei der Nutzung von Präservativen vor allem das Verantwortungsbewusstsein sich selber und den anderen gegenüber gefragt. Blindes Vertrauen reiche nicht und könne allenfalls bestraft werden. Wie sieht es zum Beispiel aus, wenn ein Partner untreu ist und sich mit einer Geschlechtskrankheit ansteckt?

Kondomverzicht ausserhalb der Beziehung

«Wenn jemand fremdgeht, ist die Kondom-Klippe weit verbreitet. Allerdings selten erst zwei Monate, nachdem die Untreue fleischlich geworden ist – sehr oft sogar schon ab der ersten aufregenden Begegnung», erzählt der Paartherapeut Klaus Heer. Dabei seien es vor allem die Männer, die lieber «ohne Regenmantel duschen».
Das heisse aber nicht, dass der Wunsch nach latexlosem Sex beim weiblichen Geschlecht nicht bestehe. «Immer mehr Frauen sind auf direkten Schleimhautkontakt aus. Nach meinem Empfinden hat die Vorsicht in fremden Betten bei beiden Geschlechtern seit der Jahrtausendwende deutlich abgenommen», so Heer.

«Später bereut man das»

In einer Beziehung sehe der Paartherapeut das «Vergessen» des Kondoms nicht als Vertrauensbeweis: «Es zeugt eher von romantischer Fahrigkeit, die man wenig später bereuen wird.» Er lege Paaren einen ärztlichen Test nahe: «Das ist das probate Mittel gegen Ängste und Misstrauen.»
Laut Daniel Seiler, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz, reichen zwei Monate nicht aus, um eine Entscheidung über die Absetzung des Kondoms zu fällen: «In den ersten drei Monaten einer Beziehung muss ein Kondom verwendet werden. Nach dieser Zeitspanne ist praktisch jede sexuell übertragbare Infektion nachweisbar. Dann sollte man sich testen lassen, um sicherzugehen.»
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017