Dr. Klaus Heer

Die Südostschweiz vom 23. September 2015
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«Die Legende in der Lende»

Die Sterilisation des Mannes – die Vasektomie – ist nicht nur am Stammtisch ein Tabuthema. Dabei hat der Mann mit der Unterbindung seiner Samenleiter endlich auch die Kontrolle über seine Fortpflanzung in seiner Hand.

INTERVIEW: A.H. THELEN
1. Das Thema Vasektomie ist immer noch ein Tabuthema. Kaum ein Mann weiss, was eine Sterilisation wirklich ist. Weshalb ist das so?
Vasektomie ist gefühlte Kastration. Das Skalpell passt nicht in die perfekte Welt von Erotik und Sexualität. Dort haben nicht nur die Frauen makellos schön und schlank und weiblich zu sein. Von Männern erwartet man ein straffes männliches Funktionieren – möglichst genau wie in der aktuellen Pornovideo-Flut. Jede Abweichung von diesen Idealen wird weggebeamt.

2. Warum haben die Männer eine solche Angst, dass sie mit einer Sterilisation ihrer
«Männlichkeit» beraubt werden und das sogar, obwohl es medizinisch keinen Grund dazu gibt und das Risiko von Komplikationen verschwindend klein ist?

Die Männer sind ja nicht blöd. Sie wissen genau, dass sie als Männer nicht verstümmelt werden. Aber immerhin: Ihre Zeugungsfähigkeit ist weg. Für immer. Ich höre immer wieder von Männern, die zögern, sich unwiderruflich davon zu trennen, Vater zu werden – obwohl sie es bereits sind. Der Gedanke, dass es noch einmal im Leben passieren könnte, steht fast immer im Raum. «Man kann nie wissen, vielleicht kommt wieder eine Frau, die ein Kind von mir möchte...»
3. Der 39-jährige Familienvater im Artikel nebenan möchte anonym bleiben. Auf meine Frage, wieso er nicht mit Namen in der Zeitung erwähnt werden möchte, meinte er, dass er nicht mit Hinz und Kunz über seine Vasektomie sprechen wolle, obwohl er und seine Frau sehr zufrieden mit dem Entscheid sind. Trotz erneutem Nachfragen konnte er mir nicht einen wirklichen Grund für seinen Wunsch nach Anonymität nennen. Ist dieses Thema zu intim für Männer?
Nicht eigentlich zu intim, aber zu schambeladen. Die Scham ist wohl die vielschichtigste und widersprüchlichste aller Emotionen. Sie lässt sich schwer fassen und beschreiben. Mann schämt sich darüber zu sprechen, was mit seiner «Entmannung» ist.

4. Aber über Sex sprechen die Männer doch gerne. Das mit wem, wie und wo wird ausführlich am Stammtisch erörtert. Ist dies nicht auch etwas eher Intimes?
Dass die Stammtischrunde über Sexualität redet, ist ein gutmütiges Gerücht, glaube ich. Dort geht es meist um zotiges Reden, und Zoten sind sexualisierte Gewaltfantasien. Was die Vasektomie wirklich für den Mann bedeutet, ist in der Bierrunde kein Thema. Mit diesem Thema ist jeder Mann ganz allein.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017