Dr. Klaus Heer

Bluewin-Magazin 2. Dezember 2015
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Klaus Heer: «Eine Beziehung ist keine Unterhaltungsshow»

Beziehungen seien keine Unterhaltungsshow, sagt Klaus Heer. Der bekannte Berner Paartherapeut findet stattdessen: «Routine gibt einer Beziehung Halt, die Langweile verlängert das Leben.» Das Gefühl der ersten Verliebtheit dauert meist nur wenige Wochen: Was muss ein Paar tun, damit eine Beziehung lange hält? Oder wie kann die Liebe immer wieder neu entfacht werden? – Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen hat Bluewin mit dem Paartherapeuten Klaus Heer gesprochen.

INTERVIEW: BRUNO BÖTSCHI
Bluewin: Herr Heer, wann haben Sie Ihrer Partnerin zum letzten Mal Blumen geschenkt?
Klaus Heer: Vorgestern habe ich zwei Beete für sie umgegraben, 250 Tulpenzwiebeln gesetzt und mit Reisig zugedeckt. Meine Partnerin ist Gärtnerin, ich nehme ihr manchmal die schwerere Arbeit ab.

Sie sind ein fleissiger Mann. Aber nochmals die Frage: Wann haben Sie Ihrer Partnerin zu letzten Mal ein Geschenk gemacht?
Vorgestern waren es, wie gesagt, die 250 Zwiebeln und am vergangenen Sonntag habe ich sie zum Nachtessen eingeladen. Worauf wollen Sie hinaus?
«Routine gibt dem Beziehungsalltag Halt, die Langeweile verlängert das Leben.»
Wollen Sie so gezielt die Routine in der Beziehung brechen und verhindern, das Langeweile aufkommt?
Gegen Routine habe ich nichts, gegen Langeweile noch weniger. Routine gibt dem Beziehungsalltag Halt, die Langeweile verlängert das Leben.

Verrücktheit und Leidenschaft lassen in einer Beziehung irgendwann nach. Aber ich möchte mich nicht langweilen mit meinem Lieblingsmenschen.
Kein Problem. Werden Sie wieder Single und langweilen Sie sich in Ihrem 50-Quardratmeter-Studio. Dort erleben Sie krass, wie langweilig Sie selber sind. Beziehungen sind keine Unterhaltungs-Shows. Höchstens zeitweise.

Ich sprach nicht von Unterhaltungsshows, ich sprach von Leidenschaft. Wie kann ich mir die in einer Beziehung am besten erhalten?
Leidenschaft lässt sich nicht erhalten. Genauso wenig wie die Wonnen des Frühlings. Diese werden vom Zauber des Sommers abgelöst. Und dann kommen die Freuden des Herbstes und des Winters. Alles fliesst und geht vorbei. Genau so fliesst die Leidenschaft ab. Unwiederbringlich.
«Wer als Paar lebt, berührt sich. So oder so. Und ohne Schrammen geht es auf Dauer nicht ab.»
Natürlich gehen die Schmetterlinge im Bauch irgendwann verloren. Aber das ist ja nicht die einzige Leidenschaft, die wir Menschen haben. Warum sind Sie so negativ eingestellt?
Ich bin kein Schwarzmaler. Das bunte Leben und Zusammenleben gefällt mir. Leidenschaftliche Zweisamkeit sieht nach 10 oder 20 Jahren total anders aus als am Anfang der Liebesgeschichte. Ein lebendiges Paar entwickelt sich mit den Jahren bis zur Unkenntlichkeit. Die Schmetterlinge sind weg, etwas Neues, Eigenes will kommen.

Die perfekte Liebe von Paola und Kurt Felix war also nur ein Medienphänomen?
Der einzige, der das zuverlässig wissen kann, ist Kurt Felix mit seiner Jenseitsperspektive. Fragen Sie ihn, er wird Ihren Spass verstehen.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach eine intakte Beziehung aus, die 20 Jahre andauert?
Was für eine Fangfrage! Eine intakte Beziehung gibt es nicht. «Intakt» heisst zu deutsch unberührt, unversehrt. Wer als Paar lebt, berührt sich. So oder so. Und ohne Schrammen geht das auf Dauer nicht ab.
Ein paar Schrammen tun nicht weh. Was braucht es also konkret für Anstrengungen, damit sich die Liebe nach 20 Jahren noch gross anfühlt?
Die sogenannte grosse Liebe empfinden wir dann als gross, wenn sie unseren Bedürfnissen und Sehnsüchten bestmöglich entspricht. Wenn also das Ist zusammenfällt mit dem Soll. In der heissen Startphase einer Beziehung ist das häufig ganz einfach: Alles ist, wie es sein soll. Nach 20 Jahren ist die real gelebte Beziehung anders geworden, sehr anders manchmal. Aber wir möchten, dass alles wieder so schön würde, wie es einmal war. Das nennen wir ein «Beziehungsproblem».

Ist dieses Problem lösbar?
Ja. Es ist gar kein Problem, sondern eine Gegebenheit. Es ist, wie es ist – und nicht, wie wir es gern haben möchten. Die Erfahrung lehrt nahezu jedes Paar, dass am Ist trotz aufwändigen Bemühens kaum etwas zu ändern ist. Wohl aber am Soll.

Das heisst?
Wenn ich weniger erwarte vom Anderen, von der Beziehung, schrumpft das Problem. Ich kann zum Beispiel darauf warten, dass mein Partner aufmerksam und liebenswürdig ist mit mir. Damit trage ich mein Teil bei zum Problem, nicht zur Lösung des Problems. Ich kann mich aber dazu entschliessen, selbst aufmerksam und liebenswürdig zu sein. Das hilft.
«Einen Strauss zum Valentinstag und zwölf Rosen zum Geburtstag – das allein bringt es nicht.»
Klingt einfach...
...ist es aber nicht. Am einfachsten ist es, Lieblosigkeit mit Lieblosigkeit zu beantworten. Du schnauzt mich an, ich schnauze zurück. Gehässigkeit ist ansteckend. Genau hier habe ich meine Investitions-Chance.

Und wenn es nicht hilft, liebenswürdig und hilfsbereit zu sein?
Dann wird es erst richtig anspruchsvoll. Ich muss entscheiden, ob ich dennoch bleiben und tragen will, was schwer ist. Oder ob ich gehe. Und wenn ich diese Entscheidung nicht schaffe, bleibe ich in dem dornigen Dilemma hängen…

…und gehe in eine Paartherapie, oder?
Nein. Wer bleiben will, wo er ist, braucht keine Begleitung.

Nochmals zurück zum Anfang unseres Gesprächs: Sie halten wenig von Sträussen, mit denen man eine Beziehung warm hält.
Einen Strauss zum Valentinstag und zwölf Rosen zum Geburtstag – das allein bringt es nicht. Unscheinbare alltägliche Freundlichkeiten, die überraschen und von wacher Fantasie zeugen, sind eine viel effizientere Beziehungspflege.

Das ist jetzt aber wirklich nichts Neues.
Stimmt. Aber in vielen langjährigen Ehen sind genau diese Mini-Freundlichkeiten des Alltags verloren gegangen. Man pflegt den emotionalen Geiz und hungert einander aus. Schliesslich behandelt man den anderen so achtlos und verächtlich, wie man keinen der acht Milliarden Menschen auf der Welt je behandeln würde.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017