Dr. Klaus Heer

Schweizer Journalist vom 11. Oktober 2016
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«Feuchte Wunschträume sind angeblich machbar»

INTERVIEW: ROGER ANDEREGG
Herr Dr. Heer, die hohe Zeit der Sexkolumnen, für die Marta Emmenegger und Eliane Schweitzer im „Blick“ standen, scheint vorbei zu sein.
Ja, Martas mütterliche Empathie ist 2001 mit Martas Tod weg. Und Elianes lapidare Nüchternheit seit vier Jahren leider auch. Ich vermisse beides.

Heute lesen sich Sexkolumnen etwa so spannend wie Börsenberichte – für Kleinsparer. Gibt es dafür eine Erklärung?
Die Kolumnen sind tatsächlich geschwätzig geworden. Und die Rat-Schläge schlagkräftiger. Aber machen Sie sich nichts vor: Alle lieben Sex-Tipps heiss, die Journis und die Leser beiderlei Geschlechts.

Warum sind die so attraktiv?
Weil die Ratlosigkeit in den letzten Jahren zünftig angeschwollen ist. Je eindringlicher ein paar Experten zu wissen vorgeben, sie wüssten, wo Gott hockt, umso konfuser und stummer sieht es im Inneren der meisten Zweisamkeiten aus. Das wiederum befeuert die Nachfrage nach Besserwissern. Und so weiter im teuflischen Kreis.

Fachliche Kompetenz einmal vorausgesetzt: Darf ein Berater – was heute die Regel zu sein scheint – ohne Witz und Humor über Sex schreiben?
Natürlich darf er das. Im Weltbild der meisten Leute hat Sex mit Übermut wenig gemein. Im Bett gibt’s nichts zu lachen. Man stellt sich vor, dass das Sex-Problem aus dem gleichen humorlosen Material besteht wie dessen Lösung. Überzeugen Sie sich selbst: Die Fragen der Leidgeplagten sind sprachlich und stimmungsmässig den Experten-Antworten zum Verwechseln ähnlich.
Wie kommt das?
Jede Zeit hat die Berater*innen, die sie verdient. Wer sich heute sexuelle Probleme öffentlich zu «lösen» anschickt, ist nicht zu beneiden. Egal wie kompetent er ist, er muss sich eingeklemmt fühlen. Er darf die Dinge nicht mehr punktgenau beim Namen nennen, ohne sich bei der Redaktion und spätestens beim Publikum unmöglich zu machen. Das 21. Jahrhundert hat in der steifen Backlash-Bise angefangen. Jetzt ersetzt die trübe Wörterflut gerne das treffende Wort. Auch das Lächeln und das Schmunzeln.

Hat die Branche generell an Bedeutung eingebüsst? Mögen Leserinnen und Leser vielleicht gar nicht mehr darüber reden?
Die Leserinnen und Leser wollen lesen, nicht reden. Schon gar nicht in den eigenen Bettlaken. Das wäre zu vertrackt und zu brenzlig. Und macht viel zu viel Angst. Der Sexkolummen-Fachbereich mindert den Überdruck, den die kommunikative Verstopfung in der Paarschaft produziert. Wenigstens ist man nicht allein mit seinen Nöten ...

Aber das Tun ziehen sie immer noch dem Drüberreden vor, oder?
Tun täte man es weiss Gott liebend gern, wenn es denn noch klappen täte wie ehedem in der paradiesischen Startphase der Liebesgeschichte. Tut es aber auf Teufel komm raus nicht. Das grösste Verdienst der trendigen Sexratgeber-Industrie ist die Festigung der Illusion, dass dieser Wunschtraum machbar sei. Man müsste nur das Richtige machen. – Ein Alptraum ist’s.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017