Dr. Klaus Heer

Neue Luzerner Zeitung vom 2. August 2016
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«Jede Liebe hat die gleichen Startchancen»

Klaus Heer (73) ist Paartherapeut und Autor. Seit 1974 betreibt der gebürtige Luzerner in Bern eine Praxis für Paartherapie. 24 Jahre lang arbeitete er zudem beim Schweizer Radio DRS und veröffentlichte zwischenzeitlich mehrere Bücher. Im Interview erklärt er, weshalb man Statistiken nicht zu sehr trauen sollte.

INTERVIEW: ALEKSANDRA MLADENOVIĆ
Klaus Heer, mit welchen Problemen kommen Paare am häufigsten zu Ihnen?

Klaus Heer: Die meisten Paare organisieren sich eine gemeinsame Beratung, weil sie mit ihrem partnerschaftlichen Latein am Ende sind. «Wir verstehen einander überhaupt nicht mehr», sagen sie. In ihrer Resignation versumpfen sie im Schweigen, oder sie führen einen aussichtslosen Kampf. So oder so sind sie verzweifelt.

Was macht sie denn verzweifelt?

Heer: Es ist die jahrelange Erfahrung, dass Reden nichts bringt. Nach stundenlangem Reden ist alles nur schlimmer und aussichtsloser als vorher. «Es ist, als rede er südchinesisch und ich isländisch», bekomme ich dann zu hören.
«Ich bin fast sicher, dass unsere Erfahrungen mit einem Liebespartner immer fremd sind – ungeachtet der kulturellen Unterschiede»
Das klingt wie ein himmelweiter kultureller Unterschied.

Heer: Ja, genau. Er kommt zwar aus Effretikon und sie aus Giswil, aber sie
stecken beide in einem ausgewachsenen Kulturschock. Im Kulturschock erlebt man ja zuerst eine euphorische Phase, man ist fasziniert von der fremden Kultur. Aber dann stürzt man in eine üble Krise. Man realisiert, wie fremd das Fremde wirklich ist. Was einen alles stört und was man schmerzlich vermisst. Überdies ist die sprachliche Verständigung mühsam bis unmöglich.

Sogar, wenn der eine Partner Züridüütsch spricht und der andere obwaldnered? Demnach müsste es für ein binationales Paar noch viel schwieriger sein, eine Beziehung aufrechtzuerhalten.

Heer: Ja, so will es das Vorurteil. Ein Vorurteil ist ja das Urteil, das man fällt, bevor man reale Erfahrungen gemacht hat. Ich bin fast sicher, dass uns unsere realen intimen Erfahrungen mit einem Liebespartner eigentlich immer fremd sind – ungeachtet der kulturellen Unterschiede. Wir neigen dazu, diese grund- legende Fremdheit zu übersehen oder schönzureden.

Gibt es denn in Beratungen mit binationalen Paaren besondere Themenfelder, die sich von einheimischen Geschichten unterscheiden?

Heer: Ja, das liegt auf der Hand. Offensichtlich ist die Tatsache, dass einer von beiden einen Heimvorteil geniesst, während der andere quasi im Exil lebt. Das betrifft die Sprache, die sozialen Kontakte und oft auch die wirtschaftliche Lage. Überall besteht ein Ungleichgewicht zu Ungunsten des Fremden. In vielen Ländern haben Ehe und Familie einen anderen Stellenwert als bei uns. Wenn diese verinnerlichten Werte innerhalb einer Ehe aufeinanderstossen, kann das für das Paar extrem anspruchsvoll werden.
Erkennen Sie hier eine Entwicklung? Hat sich etwas verändert gegenüber früheren Jahren?

Heer: Was sehr wahrscheinlich auf die reichen westeuropäischen Länder neu zukommen wird, sind kulturell noch unterschiedlichere Partnerschaften aufgrund der Flüchtlingsströme. Sie werden unsere Liebes- und Paarlandschaft gründlich umformen. Das können wir uns wohl noch nicht so richtig vorstellen.

Laut den Forschungen von Doktorandinnen an der Uni Lausanne halten Ehen zwischen Schweizern und Leuten vom Balkan weniger lange als andere Mischehen oder bei Ehepartnern gleicher Herkunft.

Heer: Ich halte das für einen nicht relevanten Zufallsbefund. Daraus abzuleiten, dass Mischehen mit Menschen aus dem Balkan instabiler seien als andere, ist unseriös, wenn nicht sogar indirekt rassistisch. Zumindest zeugt es von stereotypem Denken. Statistische Ergebnisse sind nie wirklich gesichert, sie schwanken allemal von Jahr zu Jahr. Im Bereich Ehe, Familie und Sexualität muss man bei der Interpretation von Statistiken immer äusserst zurückhaltend sein. Zahlen lügen und täuschen gerne.

Offenbar ist im Verlaufe der vergangenen Jahrzehnte die Wahrscheinlichkeit gesunken, dass es überhaupt zu einer gemischten Ehe kommt. Die Studienautorinnen nennen als einen möglichen Grund dafür das Online-Dating. Dadurch sei es einfacher geworden, einen Partner aus der eigenen Minderheitengruppe zu finden.

Heer: Das stimmt genau. Die vielen Vermittlungsplattformen erleichtern es allen Minderheiten, bei der Suche nach einem Partner innerhalb des eigenen kulturellen Umfelds fündig zu werden.

Was halten Sie von Online-Dating? Sind so entstandene Beziehungen stabiler? Oder fehlt die Romantik?

Heer: Online-Dating ist ein Heirats- und Paarungsmarkt, nicht mehr und nicht weniger. Dass das Matching auf wissenschaftlichen Grundlagen basiere, ist moderner Mystizismus. Wer dran glaubt, wird selig – solange er verliebt ist. Doch die Überlebensfähigkeit einer Beziehung hängt in keiner Weise davon ab, wie sich die beiden kennen gelernt haben. Auch nicht, ob es dabei romantisch zu- und hergegangen ist oder nicht. Jede Liebe hat die gleichen Startchancen.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017