Dr. Klaus Heer

20minuten vom 31. März 2016
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«Der Partner hört, wenn man schnarcht und furzt»

Viele junge Paare wohnen nicht mit ihren Partnern zusammen. Sie fürchteten sich davor, ihre unattraktiven Seiten zu zeigen, sagen Paartherapeuten.

VON BETTINA ZANNI
Mit der Freundin oder dem Freund unter einem Dach zu leben – das macht viele junge Menschen nicht an. Fast 75 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wohnen laut einer neuen Studie (siehe Box) des Bundesamts für Statistik nicht mit dem Partner zusammen. Auch in der Gruppe der 25-bis 34-Jährigen leben 19 Prozent ohne ihren Liebling.

Als Hauptgrund für getrennte Wohnungen nennen die Studienautoren die Wahrung der Unabhängigkeit. Dem pflichten Paartherapeuten bei. «In der heutigen Zeit achten die Jungen mehr auf ihr Eigenleben», sagt Rita Schriber. Wichtiger als sich auf einen Partner einzulassen, seien Karriere, Sport und Freizeitaktivitäten. «Die Beziehung hat vielleicht am Rand etwas Platz.» Klaus Heer beobachtet: «Langsam hat sich herumgesprochen, dass das Zusammenleben nicht nur eitel Honiglecken ist.» In der gemeinsamen Wohnung könnten sich viele Konflikte zusammenbrauen. «Die jungen Menschen wollen ihre Zeit nicht mit Beziehungsknatsch verschwenden.» Angela Della Torre sagt, dass dies auch an den jungen Frauen liege. «Sie sind heute gebildet und finanziell unabhängig und können sich auch ohne Mann ein gutes Leben aufbauen.»

«Viele Körperäusserungen sind nicht so sexy»

Das Wohnen unter einem Dach schreckt viele aber auch ab, weil sie sich dem Partner nicht von der unattraktiven Seite zeigen wollen. «Viele junge Leute haben Angst vor dem Zusammenziehen, weil sie dann nichts mehr vorspielen können», sagt Rita Schriber. Beim Zusammenleben müsse man mit der ungewohnten Nähe klarkommen, sagt Klaus Heer. «So sind viele Körperäusserungen nicht so sexy.» Der Partner bekomme auch mit, wenn man stinke. Besonders in der Nacht träten die «unappetitlichen Dinge» hervor: «Der Partner hört auch, wenn man schnarcht oder furzt.» Hans-Peter Dür vermutet, dass die jungen Menschen ihre Chancen auf dem Beziehungsmarkt nicht durch das gemeinsame Wohnen einschränken. «Man weiss nicht, was der Ex-Partner später über einen erzählt.»

Laut Sexualtherapeutin Padmini Anne Davidis wollen junge Frauen und Männer aber auch nicht mit dem Partner wohnen, weil sie sich oft noch in einer unsicheren Phase befinden. «Beruflich ist noch alles offen. Es wäre deshalb Quatsch, schon mit 18zusammenzuziehen.» Die Fachleute stellen zudem fest, dass sich die Jungen nicht festlegen wollen. «Bevor man zusammenzieht, will man lieber gucken, ob es vielleicht noch ‹was Besseres› gibt. Das ist doch ganz normal in dem Alter», so Davidis. «Durch das Internet steht heute eine unbegrenzte Auswahl an Alternativpartnern offen», sagt Hans-Peter Dür.

Stirbt die Familie aus?

Rita Schriber stellt fest, dass früher nicht lange gezögert wurde, den Haushalt zusammenzulegen. «Und funktionierte es einigermassen, gab es bald Kinder.» Bedeuten die vielen Single-Haushalte nun ein baldiges Aus für das traditionelle Familienmodell? «Weil Frauen mit Kleinkindern auf stabile Partnerschaften angewiesen sind, werden sie sich vermehrt in Frauenwohngemeinschaften organisieren müssen», glaubt Hans-Peter Dür.

Angela Della Torre rechnet mit zunehmenden Living-apart-together-Modellen. «Das Kind wechselt dann zwischen zwei verschiedenen Wohnorten.» Klaus Heer sieht es anders. «Die nächsten 200 Jahre werden Familien vermutlich noch unter einem Dach wohnen.» Die Erfahrung mit alternativen Modellen wie Patchwork hätten gezeigt, dass neue Formen des Beziehungslebens «ein Graus» sein können.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017