Dr. Klaus Heer

20minuten vom 26. Mai 2016
Stacks Image 88380

«Auch beim Green-Dating geht es um die Wurst»

Gemeinsamkeiten sind zentral, damit eine Beziehung funktioniert. Darauf setzen auch Dating-Plattformen für Umweltbewusste.

VON STEPHANIE SIGRIST
Den Partner im Internet kennenzulernen, ist heute nicht mehr verpönt. Weltweit suchen Millionen von Singles auf Dating-Apps oder -Plattformen wie Tinder, Lovoo oder Zoosk nach der grossen Liebe oder einem Bettpartner. Neben den bekannten Angeboten gibt es auch Plattformen, die sich spezifisch an Surfer, Bastler, Kiffer, Speckliebhaber, Reisefans, Fussfetischisten, Tierfreunde oder Personen mit einer bestimmten politischen Einstellung richten.

Lernt man im Alltag jemanden kennen, werden die politische Gesinnung des Gegenübers oder dessen Auffassung von Solidarität, Hilfsbereitschaft oder Umweltschutz meistens erst nach geraumer Zeit erkannt. Eine ähnliche Grundhaltung ist laut Experten aber ein entscheidender Faktor, ob eine Beziehung funktioniert oder eben nicht. «Am Anfang erscheint es noch attraktiv, wenn der andere anders ist. Gegensätze ziehen sich an – dank der Verliebtheitsbrille», erklärt der Berner Paartherapeut Klaus Herr. Doch mit der Zeit werde klar: Gleich und gleich geselle sich doch viel lieber. «Markante politische Differenzen sind auf Dauer ohne Zweifel sehr anstrengend für ein Paar», sagt der Experte in Beziehungsfragen.

«Ein häuslicher Albtraum»

Kann die strikte Veganerin also auf Dauer mit einem Fleischesser oder der Umweltschützer mit einer Person, die gedankenlos mit den natürlichen Ressourcen umgeht, glücklich werden? «Das klingt nach häuslichem Albtraum und Weltkrieg in den eigenen vier Wänden», sagt Heer. Im Extremfall könne die Toleranzfähigkeit auf beiden Seiten überstrapaziert sein. «Es sei denn, die beiden brauchen die ständige Reibung, um die nötige Betriebstemperatur in der Beziehung herzustellen und zu halten. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass jedem Paar die Unterschiedlichkeit zu schaffen macht», fügt Heer an. «Politische Differenzen sind nur eine von vielen möglichen Verschiedenheiten. Man muss sie tragen und ertragen. Oder auseinandergehen.»

Wer an der Beziehung festhalten wolle, könne es zu Hause mit Arbeitsteilung versuchen. Man könne die Zuständigkeit für bestimmte Bereiche festlegen, schlägt Heer vor. «Der eine Partner übernimmt das Ressort Entsorgung für zwei Monate, der andere den Sektor Finanzen. Dann tauschen sie die Reviere.» Wichtig sei, einander «machen zu lassen» sich nicht in das Aufgabengebiet des anderen einzumischen.

Welche Ethnie oder Religion darf es denn sein?

Um sich nicht mit solchen Konflikten herumschlagen zu müssen, kann bei der Partnerwahl gezielt nach einem Gegenüber mit ähnlichen Werten gesucht werden. Das ist wie eingangs erwähnt beispielsweise beim Online-Dating möglich. Unsere Redaktorin wollte wissen, wie es auf einschlägigen Kuppel-Plattformen zu und her geht und hat sich dazu entschieden, eine Dating-Website für Umweltbewusste zu testen. Zu diesem Zweck wurde «Green Singles» ausgewählt. Der Anmeldeprozess für die Plattform ist ziemlich aufwendig. So muss man beispielsweise angeben, welche religiöse, politische oder ethnische Zugehörigkeit bei einem potenziellen Partner erwünscht ist, was das Gegenüber für ein Sternzeichen haben darf und welche Ernährungsweisen, Trinkgewohnheiten, Frisuren oder Körperformen bevorzugt werden. Auf einer Skala kann man auswählen, wie grün der oder die Auserwählte idealerweise sein soll. Auch der Sex-IQ kann mithilfe einer Skala berechnet werden. Unter dem Navigationspunkt «Erfolgsgeschichten» erzählen Pärchen, wie sie sich auf Dating-Websites für Grüne oder Spirituelle kennenlernten und seither gemeinsam auf Wolke sieben schweben.

Nach 72 Stunden auf der Dating-Website das ernüchternde Resultat: Trotz der grossen Anzahl an zur Verfügung stehender Informationen über die Teilnehmer sind die Gespräche kaum tiefgründiger als im Ausgang nach einigen Drinks. Der Vorteil in einer Bar ist jedoch, dass man eher selten direkt nach privaten E-Mail-Adressen gefragt wird, weil einem jemand seinen Penis zeigen möchte. Zwei Teilnehmer gaben zwar an, eine Verbundenheit mit unserer Redaktorin zu spüren, begründen konnten die grünen Romeos diesen Umstand allerdings nicht.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017