Dr. Klaus Heer

Neue Luzerner Zeitung vom 19. März 2006
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Wenn es vorbei ist

Es ist nie leicht, eine Beziehung zu beenden. Frauen tun es häufiger als Männer. Und dies mit unterschiedlichen Motiven und Mitteln.

VON ARNO RENGGLI
Oft sind es die Männer, die in einer Beziehung die Zügel schleifen lassen, weniger investieren, Problemgebiete wie Sexualität outsourcen und sich mit einer mittelprächtigen Situation zu arrangieren versuchen. Und oft sind es die Frauen, die länger um die Qualität einer Beziehung kämpfen, aber irgendwann den Schlussstrich ziehen.

Briefe an künftige Ex-Partner

Dies wird auch bestätigt im neuen Buch von Sibylle Berg, mit interessanten Ausnahmen allerdings. Die in Zürich lebende deutsche Autorin hat Abschiedsbriefe von Frauen gesammelt. Vorwurfsvolle, traurige, beschwichtigende, entschuldigende Schreiben an künftige Ex-Partner, die ganze Palette von Gefühlen, die mit dem Ende einer Beziehung einhergehen.

In der ganzen Unterschiedlichkeit dieser Briefe erscheint als eine Art roter Faden sehr häufig: Die grosse Liebe wurde erwartet und erfüllte sich nicht. «Tatsächlich fällt auf, dass bei fast allen Beziehungen, die auseinander gehen, die Partner sehr unterschiedliche Erwartungen haben», meint Literaturagentin Anne Wieser, die beim Sammeln der Abschiedsbriefe mitwirkte. Viele Frauen beklagen die Unverbindichkeit der Beziehung. Sibylle Berg: «In den Briefen ist häufig die Rede von mangelnder Sensibilität und zu wenig Kommunikation ist. Beides ist oft von Männern zu viel erwartet.» Vermisst wird ebenfalls die Fähigkeit der Partner, treu zu sein, auch in sexueller Hinsicht.

Auch untreue Frauen

Allerdings – und dies nun besagte Ausnahmen – gibt es auch Frauen, welche einräumen, sich nicht auf nur einen Partner festlegen zu können und immer wieder dem Reiz des Neuen und Unbekannten zu erliegen. Sie ziehen in ihren Briefen die Konsequenz aus der eigenen Schwäche. Dass es diese Konstellation nicht nur heutzutage gibt, zeigen Briefe aus früheren Zeiten,wie derjenige der grossen Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844–1923) an den Bühnenautor Jean Richepin: «Ich habe dich gebeten, Freundschaft anstelle von Liebe zu akzeptieren. Was wirfst du mir vor? Sicherlich nicht mangelnde Offenheit. ... Es ist nicht mein Fehler, dass ich ständig auf der Suche nach neuen Gefühlen, neuer Aufregung bin.»

Stichwort Freundschaft: Oft wird sie dem verlassenen Partner als Alternative angeboten. Für diesen indes ein schwieriges bis unmögliches Unterfangen, Leidenschaft und Begehren dergestalt umzuformen. Dies zeigt sich auch in den Briefen der Frauen, die sich verletzt fühlen. Entsprechende Angebote der Partner werden vehement zurückgewiesen.

«Du hast mich zerstört»

Überhaupt erschüttert die Heftigkeit mancher Briefe. Anwürfe wie «Du bist ein charakterloser Drecksack» oder Vor- würfe wie «Du hast mich buchstäblich zerstört» machen sprachlos, vor allem wohl den Adressaten. Während in den einen Fällen zu Recht das Verhalten des Partners kritisiert wird, mutet man in anderen Fällen dem Partner die Verantwortlichkeit für sein ganzes eigenes Leben zu und wirft ihm vor, wofür er nichts kann: dass die Liebe gegangen ist.
Diesen Unterschied würde auch Anne Wieser machen: «Dass man jemanden nicht mehr liebt, ist keine moralische Angelegenheit. Wie man sich ihm gegenüber verhält aber schon.»

Lieber ein Ende mit Schrecken ...

Deshalb fragen sich Betroffene oft: Wie mache ich es, dass ich den Partner so wenig wie möglich verletze? «Ich befürchte, jeder Weg ist der falsche», meint Sibylle Berg. «Auch die Gesprächsbereitschaft nach der Trennung wird überbewertet. Oft verlängern endlose Aufarbeitungsgespräche das Leid nur noch. Anne Wieser ist überzeugt: «Das Wichtigste sind Klarheit und Ehrlichkeit. Damit zeigt man auch Respekt vor dem anderen.» Falsch ist hingegen, dem anderen noch Hoffnung zu lassen, in der ehrenwerten Absicht, ihn zu schonen, oder in der weniger ehrenwerten, ihn noch ein wenig warm zu halten. Besonders viel Mut braucht es, dem Partner das Beziehungsende mündlich mitzuteilen. «Wenn mein Partner mit mir Schluss machen würde, wäre es mir am liebsten face-to-face», sagt Anne Wieser. «Dann könnte ich reagieren, meiner Wut und Enttäuschung Ausdruck geben, was ein erster Schritt der Distanzierung und der Verarbeitung sein kann.» Diese ist nötig, weil der enttäuschte Partner zunächst eine sehr ambivalente Beziehung zum Ex behält. Oder wie Else Buschheuer in ihrem Brief an den untreuen Ex-Partner schreibt: «Hau ab, verpiss dich, fahr zur Hölle. Und wenn du dort bist – warte auf mich.»

«Hau ab, verpiss dich, fahr zur Hölle. Und wenn du dort bist – warte auf mich»
Else Buschheuer

Liebe ist leise

Ein Abschiedsbrief ist zwar an sich etwas Endgültiges. Aber bei manchen Briefen hat man den Eindruck, es sei eine Art Ultima-Ratio-Intervention, um die Beziehung doch noch in die für einen richtige Bahn zu bringen. Und tatsächlich haben sich – wie auch im Buch – nicht selten Schreiber und Empfänger von Abschiedsbriefen wie- der zusammengefunden. Vielleicht hat sich die Beziehung geklärt. Vielleicht haben sich Erwartungen und Kompromissbereitschaft einander angenähert.

Sibylle Berg, lange Zeit Single und Beziehungsskeptikerin, doch nun selber seit zweieinhalb Jahren «mit neuem Vertrauen in die Liebe» liiert und seit bald einem Jahr sogar verheiratet, bringt es auf den Punkt: «Was suchen wir? Ach ja, die grosse Liebe suchen wir. Doch die Liebe ist kleiner, leiser und unaufgeregter, als man sich das immer so ausgemalt hat. Nichts ist mit dauern- dem Hormonrausch und sich Trikotagen vom Körper beissen; in den Supermarkt wird gegangen, zu zweit.» Und: «Bis wir erkennen, was Liebe wirklich ist, sind wir meist schon tot. Schade.»

Klaus Heer: «Schmerzlos ist unmöglich»

Wie kann man einem Partner möglichst schonend mitteilen, dass man die Beziehung beenden möchte?
Klaus Heer: Es wäre eine Illusion, zu meinen, man könnte das ohne Verletzung über die Bühne bringen.

Kurz und schmerzlos?
Heer: Sie meinen per SMS oder so? Das wäre nicht nur ein Irrtum, sondern auch noch geschmacklos. Nein, es führt kein Weg daran vorbei, sich mit dem Partner auseinander zu setzen. Er soll auch die Chance haben, verstehen zu können, warum und wie man zu diesem Schluss gelangt ist.

Wie kann man in ein solches Gespräch einsteigen?
Heer: Vielleicht könnte man mit etwas Positivem anfangen. Es ist ja im Normalfall nicht so, dass alles negativ gewesen wäre. Wenn man Schluss macht, sollte man die Beziehung trotzdem auch wertschätzen.
Mit dem Risiko, dass der Partner vielleicht noch eine Chance wittert und um die Beziehung kämpft?
Heer: Man ist ja nie hundertprozentig sicher, ob man die Beziehung wirklich beenden will. Und vielleicht ergibt sich aus einem solchen Gespräch tatsächlich eine neue Perspektive. Wenn das allerdings immer wieder und wie eine Endlosschlaufe passiert, sollte man den Mut haben, es zu beenden.

Wo soll man ein solches Gespräch am besten führen?
Heer: Wenn man Angst hat vor der Reaktion des Partners, kann ein öffentlicher Raum einen gewissen Schutz bieten. Auf keinen Fall eignen sich das Bett und das Auto.

Soll man in einem solchen Gespräch dem Partner eine freundschaftliche Beziehung anbieten?
Heer: Nicht in diesem Moment. Als Mittel, Trost zu spenden, ist es untauglich und wird wohl oft mit bitterem Hohn beantwortet. Wenn man den Partner ehrlich und fair behandelt hat, kann sich Freundschaft viel- leicht später mal entwickeln.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017