Dr. Klaus Heer

Berner Zeitung vom 29. Dezember 2007
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Nicolas Sarkozy und Carla Bruni: Investments mit der Liebe

INTERVIEW: JÜRG STEINER
Nicolas Sarkozy und Carla Bruni sind das Promi-Paar der Stunde. Wie sie ihre Love-Affair zelebrieren, wirkt auch auf uns zurück, sagt der Paartherapeut Klaus Heer.

Herr Heer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy mit seiner neuen italienischen Flamme Carla Bruni sehen?
Klaus Heer: Mir kommt sofort der amerikanische Psychologe David Buss in den Sinn, der vor einigen Jahren in einer grossen, kulturübergreifenden Studie das menschliche Partnerwahlverhalten in so genannten Love-Maps beschrieben hat. Geld und gesellschaftlicher Status kommen sehr weit vorne, wenn Frauen aufzählen, was sie an Männern anzieht – und zwar in allen Kulturen. Salopp gesagt: Wirtschaftliche Macht und Prestige sind für Frauen das Aphrodisiakum par excellence.

Während sich alternde Männer eine jüngere, schöne Frau wünschen.
Genau. Im Idealfall ist die junge Schönheit laut Buss 24,8 Jahre alt, die Frauen sind in diesem Alter am fruchtbarsten. Und wohin schaut ein Mann zuerst, wenn er einer Frau begegnet? Auf ihre Körpermitte. Dort prüft er blitzschnell und unbemerkt deren Gebärfreude: Wenn ihr Becken 30 Zentimeter weiter ist als die Taille, fühlt er sich zünftig angezogen. Spannend ist die Wirkung der Gesichter auf beide Geschlechter. Im Gesicht der Frau sucht der Mann ein durchschnittliches Schönheitsideal, während die Frau ein ausdrucksstarkes Männergesicht anzieht. Der Mann liebt den Mainstream, die Frau das Aussergewöhnliche. So gesehen sind Sarkozy und Bruni fast idealtypisch.

Gilt, was wir in Herrn Sarkozy und Frau Bruni sehen, auch für unsereins?
Man kann darüber streiten, wie stark evolutionäre Programme unser Verhalten im Informationszeitalter noch bestimmen. Das Tückische ist aber, dass sie es tun, ohne dass wir es merken. Ich glaube etwa, dass auch gut ausgebildete Frauen mit Vorliebe einen Mann wählen mit sicherer Stelle und guten Perspektiven, weil er Entscheidendes zu Nestbau und Nestpflege beitragen kann. In unseren engsten Beziehungen sind wir vor steinzeitlichen Reflexen nicht gefeit. Besonders die Männer.

Dachte ich mir: die Männer! Immer noch in der Steinzeit, immer noch Jäger und Sammler.
Gewiss. Als Mann hat man nicht die besten Karten, man ist latent in der Defensive, ein wandelndes Synonym für das schlechte Gewissen. Das hat damit zu tun, dass der Mann Mühe hat, seine Säugetier-Grundausstattung weiterzuentwickeln, namentlich in der Sexualität. Viele Frauen werden körperlich nicht geliebt, sondern gebraucht, zur Befriedigung des Mannes. In meiner täglichen Arbeit sehe ich, dass sich das immer noch die meisten Frauen bieten lassen. Kein Wunder, dass Paare ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.

Dann müssten Sarkozy und Bruni Kunden von Ihnen werden. Er setzt seine neue Liebe dafür ein, von politischen Schwierigkeiten abzulenken.
Mag sein. Aber Carla Bruni ist selber reich und erfolgreich und wahrscheinlich eine Frau, mit deren solidem Selbstbewusstsein wohl mancher Mann Schwierigkeiten hätte. Abgesehen davon: Auch wenn es sich hier vermutlich um zwei narzisstisch voll entwickelte Leute handelt, können sies gut haben zusammen. Trotz des horrenden Arbeitspensums des Präsidenten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sarkozy in seiner spärlichen Freizeit nicht einfach müde ist – wie unsereins. Der ist voller Kraft und Saft, ein Ausnahmetalent, wie Joschka Fischer.

Zurück zu den Normalmännern. Die bewegen sich schon, etwa, wenn sie Väter werden. Sie kümmern sich häufiger um ihre Partnerinnen und Kinder.
Es gibt Statistiken und politisch korrekte Einschätzungen, die das suggerieren. Ich halte aber das Bild, das ich in meiner Praxis sehe, für realistischer, denn da sitzen immer beide Partner und korrigieren sich gegenseitig. Mein Fazit: Trotz des tosenden Lärms um die Geschlechterfrage verändert sich fast gar nichts, was die Beteiligung des Mannes an Familie und Haushalt angeht. Wenn ich eine Frau wäre, ich würde keinem Mann glauben, der beteuert, er werde sein Arbeitspensum auf 80 Prozent herunterschrauben, sobald Kinder da sind. Ich würde ihn einen schriftlichen Vertrag unterzeichnen lassen.

Viele Prominente wechseln rasant ihre Partner. Beeinflusst das den Rhythmus unseres eigenen Paarungsverhaltens?
Die Vorstellung, wie lange eine Beziehung halten soll, weicht sich zweifellos langsam auf. Wenn mächtige und prominente Leute, scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken, fleissig ihr intimes Personal auswechseln, imponiert uns das schon. Die Skrupel, es auch zu tun, werden kleiner. Nicht aber das private Desaster, das daraus entsteht.
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Man gilt mitunter als Langweiler, wenn man nicht ab und zu Partnerin oder Partner wechselt.
Das stimmt schon, wer sich trennt oder scheiden lässt, wird nicht mehr diskriminiert. Aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, auseinanderzugehen sei eine Kleinigkeit. Wenn man länger mit jemandem zusammen ist, wächst man zusammen. Die Trennung ist ein Riss durchs ganze Leben, auch wirtschaftlich und sozial, und enorm schmerzhaft. Selbst wenn sich ein Sarkozy Frau Bruni als Luxusaccessoire leistet: Würde sie auf einmal zu Putin wechseln, das ginge im präsidialen Inneren nicht schmerzfrei ab.

Eine lange Beziehung erfordert aber aufreibende Arbeit.
In der schwachen Stunde der Verliebtheit haucht man sich tatsächlich ins Ohr, man wolle unbedingt miteinander alt werden. Wüsste man, was das bedeutet, man würde zu Tode erschrecken. Es ist eine Tatsache: Langlebige Liebe ist eine Frage der Investitionskraft, und ob der Return on Investment schnell oder nie kommt, weiss man nicht. Oft resigniert man schnell. Zu schnell vielleicht.

Und wenn man weitermacht?
Stellt sich ein grosses Problem. Man weiss nicht wie machen. Was muss ich als Mann konkret investieren, damit ich eine Frau habe, die glücklich ist? Die meisten haben keine Ahnung.

Weil sie als Männer immer noch in der Steinzeit stecken?
Nicht nur. In Beziehungen provoziert man beim anderen oft genau das,was man nicht möchte. Die Frau wird so kompliziert und verrätselt, der Mann so verschwiegen und verstopft, von der Frau noch zusätzlich in die Enge getrieben von ihrer haltlosen Überzeugung, ihr sei die Beziehungsfähigkeit in die Wiege gelegt worden, während er ein Kommunikationstrottel sei. Diese schiefe Grundidee zieht sich heute sogar durch die halbe Beratungsliteratur. Tragisch. In Wirklichkeit sind die Frauen den Männern keinen Millimeter voraus. Wenns klemmt, wissen die Frauen genauso wenig, wie man jetzt investieren müsste.

Dafür hat man heute Paartherapeuten, oder nicht?
Ich komme Ihnen nicht mit Ratschlägen fürs neue Jahr. Wir sind umgeben von einem Meer von Unwissen, sagte der Erkenntnisphilosoph Karl Popper. Das stimmt hier haargenau, auch wenn wir heute mit Informationen über Beziehung und Sexualität eingedeckt sind wie nie zuvor. Was uns abhanden gekommen ist, ist der Mut zur Beschränkung auf das menschliche Mass von du und ich, auf den eigenen Weg als Paar.

Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Paartherapeut. Wird es immer schwieriger, gute Paarbeziehungen zu leben?
Wir wollen nicht jammern! Noch nie hat man so frei leben und auch zusammenleben können wie wir heute. Wir engen uns ganz selber ein. Zum Beispiel mit diesem gnadenlosen Zwang, leidenschaftlich lieben zu müssen. Sexuelle Lustlosigkeit gilt als behandlungsbedürftige Beziehungsstörung. Warum eigentlich? Und man will glücklich werden, zufrieden sein reicht nicht. Vielleicht liegt unser bescheidenes Glück dort verborgen, wo wir uns damit zufrieden geben, zufrieden zu sein.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017