Dr. Klaus Heer

Jubiläums-Annabelle vom 10. September 2008
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Männer müssen sich viel anhören. In ihren Ehen und Zweierkisten beziehen sie tatsächlich viel Schelte, sehr viel. Eigentlich immer mehr, wenn ichs mir recht überlege. Sie sind immer weniger so, wie ihre Frauen sie haben möchten.

Ich will nicht jammern. Nur unaufgeregt feststellen: In den 34 Jahren, die ich in meinem Beruf arbeite, ist die Mängelliste eindeutig länger geworden und schwerwiegender. Klar gabs schon 1974 jede Menge «Szenen einer Ehe»; der Bergman-Film über die Liebes- und Hass-Abgründe zwischen Mann und Frau hätte ja sonst damals nicht derart eingeschlagen.

Aber in der Zwischenzeit sehe ich immer mehr Frauen, die am Ende sind. Enttäuscht, müde, resigniert, beinah bitter. Sie strengen sich jahrelang an, ihren Mann wieder zu dem Menschen zu machen, der er einst als Verliebter war. Nämlich wach und aufmerksam, zärtlich und behutsam, fantasievoll und liebeserfinderisch, redselig und ganz Ohr für sie, pünktlich und zuverlässig. – Es geht nicht.

Im Gegenteil. Der Mann wird immer mehr so, wie er nicht sein sollte. Und so, wie er auch sich selbst nicht mehr gefällt: Er verkriecht sich, verstummt, wird bockig und aggressiv, penetrant hilflos – was ihm seine Frau dann umso mehr vorwirft, weil er sie noch mehr enttäuscht – was ihn natürlich noch unmöglicher macht.

Derlei Unglücksspiralen mehren sich in den letzten Jahren. Ich bin zwar kein kulturkritischer Soziologe, aber mir kommt es so vor, als hätte sich das gesellschaftliche Bühnenbild in den letzten Jahrzehnten auffällig verändert, Schlag auf Schlag. Stimmrecht für die Frau, neues Ehe- und Scheidungsrecht zum Beispiel. Männerdomänen und überkommene männliche Privilegien schrumpfen.

Eheliche Handgreiflichkeiten sind jüngst zum Offizialdelikt geworden, also auch gefährlich für den, der ausrastet. Die Schwelle zur Scheidung ist niedriger denn je, also gibt es immer mehr zerbrochene Familien, die sich zu neuen Flickenmustern zusammensetzen. Und immer mehr Singles, die fast alle nach neuen Paarungsmöglichkeiten suchen. Bevor sich überhaupt die Frage erheben kann, was aus dem zurückliegenden Scheitern zu lernen gewesen wäre.
Und noch etwas ist neu: Computer und Internet. Beides eigentlich typische Männer-Spielplattformen. Zum Beispiel für Männersex. Mit fast einer halben Milliarde Pornosites sollen jährlich runde 140 Milliarden Franken verdient werden. Diese Seiten sind für jedermann jederzeit zugänglich, sie werden auch epidemisch angeklickt. Das hat es noch nie gegeben.

Derweil lassen viele, viele Paare ihren Beischlaf einschlafen, wenn nicht gar entschlafen. Bei den Ehepartnern über vierzig läuft kaum noch etwas Unkeusches. Sagen neue Grossuntersuchungen.

Warum das? Vielen Frauen fällt auch auf diese Frage nichts ein als Vorwürfe an ihre Männer. Und diese sind unfähig, aus den Anklagen ihrer Frau deren Klagen herauszuhören. Sie vernehmen nur Vorwürfe, verschanzen sich, wollen nichts mehr hören, schweigen sich aus. Damit verpassen sie die Chance zu erfahren, wonach sie sich sehnt. Sie wissen nichts und lernen nichts dazu. Die Frau bleibt ihnen verrätselt. Bis zur Scheidung. Oder schlimmer: bis ins Pflegeheim.

Unter dem Strich ist das Beziehungsgeschäft für die Männer kniffliger geworden. Richtungsweisende Lehrpläne und Handbücher gibt es keine; an Gelegenheiten, nahezu alles falsch zu machen, fehlt es je länger, je weniger. Und die Frauen sind meistens weit davon entfernt, es ihren Männern leichter zu machen. Viele von ihnen sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts viel selbstbewusster, aber auch viel selbstgerechter. Beides wahrlich kein Schleck für den Mann!

Ups, jetzt bin ich doch ins Gejammer abgerutscht! Ja, manchmal packt mich sogar ein richtiger heiliger Zorn! Warum zum Teufel sind diese Männer nicht Manns genug, wenigstens einmal in ihrem Leben ihre Frau an der Hand zu nehmen: «Komm, setz dich bitte! Jetzt sag mir mal: Wie beschwerlich ist das eigentlich für dich, mit mir zu leben? Ich will es jetzt endlich wissen!» Männer haben keine Ahnung, wie viel es da zu lernen gäbe! Und wie dabei das Herz ihrer Liebsten aufginge.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017