Dr. Klaus Heer

Bild.de vom 10. Juli 2009
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Pornos machen Sex kaputt

Schlechter Sex kann der Anfang vom Ende einer Beziehung sein. Einige Männer glauben, das gemeinsame Schauen von Sex-Filmen könnte die Lust wieder ankurbeln. Doch: Was IHN anreget, kann SIE als abstoßend empfinden. Paartherapeut Klaus Heer (65) aus Bern sagt: «Pornos machen Sex erst recht kaputt.»

VON MEIKE MEYRUHN
«Pornos sind nichts als umgesetzte Männerfantasien, die Männer dafür brauchen, um sich selbst zu befriedigen», sagt Heer. Es seien genau diese Fantasiebilder, die die Sexualität im Doppelbett stören und schließlich zerstören.

Pornos als Sex-Rettung – davon rät Klaus Heer ab. Seit 35 Jahren berät der Schweizer Paare mit Beziehungs- und Sex-Problemen. Wer im Bett nicht mehr zueinander findet, sollte keinesfalls in pornografischen Filmen nach dem suchen, was im Schlafzimmer vermisst wird. Wir seien in ein «masturbatorisches Zeitalter» hineingeschlittert. «Statt Liebe zu machen, kommt es in vielen Betten nur noch zu krudem Sex», sagt Heer. Und daran seien Pornos schuld. «Diese vermitteln fälschlicherweise, beim Sex ginge es um direkte Zielstrebigkeit, ums gegenseitig Scharfmachen und um einen schnellen Weg zum Orgasmus», so Heer.

«Beim Liebesspiel geht es aber nicht darum, den Partner scharfzumachen. Es geht um Vereinigung – und darum, die Frau zu befriedigen», sagt der Experte.

Wer zu viele pornografische Filme gesehen hat, der laufe Gefahr, dies zu vergessen: «Pornos sind ein Angriff auf die Sehnsüchte von Mann und Frau. Diese Lieblosigkeit und die Brutalität, die diese Filme vermitteln – das kann nicht gut sein für den Sex.»

Kein Mann solle eine Frau wie eine Pornodarstellerin behandeln:

«,Du Miststück, jetzt mach' die Beine breit!' – dass die Leute solche Porno-Dialoge nachbeten, wenn ihnen die Fantasie ausgeht, ist schrecklich und verletzend.»

Überhaupt, was ist eigentlich guter Sex?

«Guter Sex ist eine Entwicklung und ein sehr, sehr langer Weg, der Jahre dauert. Als Mann sollte man es anstreben, die Augen einer Frau zum Leuchten zu bringen, ihr vermitteln, dass sie Platz in der Sexualität hat, dass ihre Wünsche berücksichtigt werden und dass sie keinesfalls nur eine Masturbationsvorlage ist. Es geht darum, eine Frau zu befriedigen – auch in ihrem Herzen, sie glücklich zu machen. Der Weg dorthin sollte nie enden.»

Porno-Experte Ulrich Esau (51) stimmt den Warnungen des Paartherapeuten zu.

Er sagt: «Die meisten Pornofilme sind auf Männerfantasien ausgerichtet und solche Filme sind natürlich keine Sex-Rettung.» Der Markt befände sich jedoch im Wandel und immer mehr – vor allem weibliche Pornoproduzentinnen – drehen Pornofilme. Und diese «beflügeln» laut Ulrich Esau auch die weiblichen Sexfantasien. Er sagt: «Zur Überraschung der meisten Männer sind diese modernen Pornofilme alles andere als soft.»Ein Problem mit den guten Filmen sei jedoch das Finden eben dieser. Sein Tipp: «Die Filme von Anna Span aus England. Sie zeigt ganz normalen Sex, jede Sexszene ist mit einer großen Prise Humor gewürzt. Das Wichtigste dabei ist aber, dass die Frauen keineswegs als Sexobjekt dargestellt werden, sondern ihre Lust ausleben.» Diese Frauen seien keine «Lustobjekte», sie lenken den Sex auch und ihre Bedürfnisse würden ebenfalls befriedigt. «Für viele Frauen eine neue Erfahrung», sagt Esau.

Und weiter: «Insoweit können gut gemachte, abwechslungsreiche Pornofilme den gemeinsamen Sex dauerhaft bereichern.»
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017