Dr. Klaus Heer

swissfamily vom Oktober 2009
Stacks Image 98771

Partnerschaft: Ehe in der Krise?

Eine gute Zweierbeziehung ist nicht umsonst zu bekommen, sagt Paartherapeut Klaus Heer. Ein wesentlicher Grundsatz zum gemeinsamen Glück: Den anderen akzeptieren, wie er ist. Was einfach klingt, ist Schwerstarbeit.

INTERVIEW: VERA SOMMER
In Ihrem Buch «Paarlauf» interviewen Sie Männer und Frauen, die ausharren in ihrer Beziehung, obwohl sie unglücklich sind. Warum tun sie sich das an?
Klaus Heer: Es gibt Klebstoffe, die selbst die unseligsten Beziehungen zusammenhalten: Die Ehe ist ein Hort der familiären, sozialen und materiellen Sicherheit. Eine Scheidung würde das ganze Leben auseinanderreissen. Davor schrecken viele zurück, solange es geht. Fast ebenso widerwärtig ist das private und öffentliche Eingeständnis, dass man gescheitert und die Ehe futsch ist. Und der wunderbare Start mitsamt dem vollmundigen Versprechen «ewiger Liebe» wäre im Eimer.

Geben sich Paare anfangs der Illusion hin, sie hätten das immerwährende Glück gepachtet?
Nicht gepachtet – geschenkt bekommen! Niemand kann sich in solchen Augen-blicken vorstellen, dass dieses Glück jemals zerrinnen könnte. Wir alle kennen die miesen Meldungen von der Ehefront, aber es nützt nichts: Die wundersame Starterfahrung ist ein mächtiges Anschub- und Bindemittel für unsere Beziehung. Ein charmanter Trick der Natur, damit wir uns an die Fortpflanzung machen.

Was lässt den einen am anderen mit der Zeit dennoch verzweifeln?
Eigentlich ist es nichts anderes als die Erfahrung, dass der andere nicht so ist, wie ich ihn gern hätte. Dazu kommt die kindliche fixe Idee, ich könnte ihn vielleicht doch noch ummodeln, wenn ich lange genug nicht lockerlasse.

Klingt nach überzogenen Erwartungen.
Stimmt. Ich möchte halt unbedingt, dass mein Partner mir das gibt, was ich gerne von ihm hätte. Und wenn das klemmt, setze ich alles daran, ihn in die gewünschte Richtung zu drängen. Weil das aber nicht immer möglich ist, bei Weitem nicht, mache ich ihm Vorwürfe, klar! Und er verteidigt sich, ebenso klar. Die Folge: Ich fühle mich un- oder missverstanden und bin frustriert. Aber umgekehrt läufts doch genauso. Wir machen unsere Hausaufgaben nicht.

Welche Hausaufgaben?
Zuallererst müsste ich den anderen, den ich doch liebe, aushalten – genau so, wie er ist.

Ihn aushalten?
Ja, aushalten! Er ist nicht auf der Welt, um nach meiner Geige zu tanzen. Er ist er. Diese Hausaufgabe, die Beziehungsarbeit, ist wohl der anstrengendste Beitrag zum Gelingen einer Ehe.

Ist das bisschen Glück in der Zwei-samkeit nicht anders zu bekommen als durch Plackerei?
Wie die meisten grösseren Projekte im Leben ist auch die Zweierbeziehung abhängig von Investitionen. Dabei gilt die Regel: Je höher die Erwartung, desto grösser die Plackerei. Und umso geringer die Aussicht auf Glück. Ehen werden zwar im Himmel geschlossen, gelebt werden sie aber auf der holprigen Erde. Je früher wir das kapieren, umso besser.

Nicht mehr miteinander reden können – das schlimmste Problem in Beziehungen?
Nein, Reden ist nicht das Problem. Reden können alle. Das Fatale ist, dass wir taub sind. Wir hören einander nicht. Wir interessieren uns nicht für das, was der andere sagt, wenn es unseren Erwartungen zuwiderläuft. 

Männer hören nicht zu, Frauen argumentieren vorwurfsvoll und selbstgerecht. Ein Klischee?
Ja, ein ausgewachsenes Klischee. Aber die Männer hören nicht, wenn Frauen ihnen sagen, dass sie unzufrieden sind in ihrer Ehe. Und die Frauen hören genauso wenig hin, wenn Männer ihnen zu erklären versuchen, was für sie schwierig ist.

In vielen Beziehungen ist Sex der Knackpunkt. Nehmen wir ihn zu wichtig?
Genau genommen ist Sex ja nicht wichtig – ausser zum Kindermachen. Aber wir -sehen, hören und lesen immer und überall davon, und wir haben es in unserer eigenen Beziehungsgeschichte porentief erlebt: Verschmelzende körperliche Liebe ist das Schönste auf Erden! Im ehelichen Alltagsdoppelbett haperts dann aber gehörig: Die Erwartungen spielen uns auch hier einen Streich.

Die Erwartung, dass der andere so funktioniert, wie ich es gerne hätte?
Genau. Diese Erwartung drückt eigentlich aus: Ich will, dass du mich befriedigst, und ich mich an dir befriedigen kann, genauso, wie ich mir das vorstelle. Mit Liebe hat das fast gar nichts mehr zu tun.

Wenn einer Lust hat, der andere aber nicht: Führt das beim Zurückgewiesenen nicht zwangsläufig zu Frust und Verletzung?
Ich kenne kein Paar, dessen Lust synchronisiert und servogelenkt wäre. Die Unterschiede im Bett sind viel grösser, als wir annehmen.
Genau diese Differenzen sind es, für die wir uns mehr interessieren müssten. Sie sind unvermeidlich. Und sie sind genauso wenig verletzend wie alle anderen Unterschiede – vorausgesetzt, man akzeptiert, dass man nicht ein Leben lang gleichgeschaltet ist wie in der ersten Verliebtheit.

Warum scheitert in der Schweiz jede zweite Ehe?
Die Gründe sind vielfältig. Sicher leben wir in einem veränderten Zeitgeist-Klima. Wir meinen, Anrecht auf einen stabilen Glückszustand zu haben. Sobald das Glück mit dem Partner nicht mehr realisierbar erscheint, geben wir ihn auf. Dazu kommt, dass Scheidungen heute annehmbarer sind als noch vor fünfzig Jahren. Und die vielleicht gewichtigste Veränderung: Frauen lassen sich nicht mehr alles bieten. Das überfordert viele Männer. Und viele Paare.

Früher, so heisst es oft, wars mit der Ehe einfacher, weil die Rollenzuteilung klar war. Wer was zu erledigen hatte, musste nicht erst verhandelt werden. Stimmt das?
Ja, das stimmt genau. Aber diese einfachen Verhältnisse sind im 21. Jahrhundert nicht mehr realistisch, weil oft die Frau allein den Preis dafür bezahlte. Tatsächlich muss heute viel mehr ausgehandelt werden, weil es nur noch wenige vorgegebene Strukturen gibt. Jedes Paar muss sich seine Ehe selber erfinden. Es lohnt sich – wenn es gelingt!

Können Beziehungen an Alltagskram scheitern – z.B. der Frage, wer einkaufen geht oder den Kehricht rausbringt?
In jeder Ehe und Familie sollte diskutiert werden, wie man die anfallenden Lasten gerecht verteilen will. Besonders die Zuteilung der unbezahlten Arbeiten ist vielerorts stressintensiv. Derlei Frust mündet leicht in strapaziöse Machtkämpfe.

Ist es angesichts der hohen Scheidungs-rate empfehlenswert zu heiraten?
Gedanken zum dicken Ende machen sich heiratswillige Leute nicht. Sie haben ihre guten Gründe, in die Ehe einzusteigen. Hätte auch keinen Sinn, es ihnen ausreden zu wollen, denn schon Sokrates hat die Frage ganz klar beantwortet: «Heirate, und du wirst es bereuen! Heirate nicht, du wirst es ebenso bereuen.»

Es wird viel geschieden. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen die Arbeit ausgeht?
Im Gegenteil. Auch der Weg zu Trennung und Scheidung ist schmerzlich, vertrackt und überfordernd.

Stimmt es, dass sich immer die Männer vor Paartherapien drücken?
Früher war das so, ja. Seit ich eine Homepage habe, sind es gegen 80 Prozent die Männer, die sich per E-Mail für eine Paartherapie anmelden. Sie scheinen es zu lieben, surfenderweise zu erkunden, ob ihnen das Produkt Paartherapie zusagt.

War eine Paartherapie auch dann erfolgreich, wenn sich als einziger Weg die Trennung abzeichnet?
Eine wirkungsvolle Therapie macht deutlich und sichtbar, was ist, holt Diffuses oder Zugedecktes an die Oberfläche. Und das kann natürlich auch die Erkenntnis sein, dass die Beziehung verblüht ist, dass sie die Partner am  Leben hindert.

Sind Sie in mehr als 30 Jahren Paarberatung nie zum Schluss gekommen, dass es mit der Zweisamkeit halt einfach nicht funktioniert?
Manchmal überkommt mich schon eine solche Verzweiflung. Aber nur selten, zum Glück. Gewöhnlich bin ich mit den Paaren unverdrossen auf der Suche nach unerkannten lebenswerten Möglichkeiten.

Welche Möglichkeiten? Zum Beispiel sollte sich ein Paar vor Augen halten, was in seiner Beziehung wichtig und verbindend ist: Das Zusammenleben, die Wohngemeinschaft, die Kinder, die Sexualität, Reisen, der Betrieb, den sie vielleicht zusammen führen. Ausserdem tut ein Paar gut daran, das Gleichgewicht von Autonomie und Bindung immer wieder neu einzustellen. Wie viel partnerschaftliches Engagement und Liebesleben brauchen wir? Und wie viel Eigenständigkeit ist für jeden von uns nötig, damit wir nicht abhängig voneinander werden?

Wäre es nicht erstrebenswerter, gleich Single zu bleiben?
Ich bin mir fast sicher, dass die wenigsten Menschen freiwillig Singles sind. Jedenfalls wenn sie sich vom letzten Beziehungshorror erholt haben. Zweisamkeit hat eine universelle, magische Anziehungskraft. Und der kann kaum jemand auf Dauer widerstehen.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017