Dr. Klaus Heer

Neue Luzerner Zeitung vom 16. Oktober 2010
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BEZIEHUNGEN Paare sollten das Thema Seitensprung miteinander absprechen, bevor es zu spät ist. Klaus Heer sagt auch, warum sowohl Treue wie Untreue schwierig sind.

INTERVIEW: ANDREAS BÄTTIG

Mit dem Online-Anbieter Ashley Madison wird der Seitensprung kommerziell vermarktet. Was sagen Sie dazu?
Klaus Heer*: Sex ist ein milliardenschwerer Markt, und Fremdgehen wird schon lange kommerziell bewirtschaftet. Das Internet begünstigt diese Form von Dienstleistung auf nie gekannte effiziente Weise. Der Seitensprung scheint eben für sehr viele Menschen – nicht nur für Männer – attraktiv zu sein.

Schaut man auf Statistiken, sind die Menschen wahre Meister im Betrügen. Wie kommt das?
Heer: Die Seitensprungzahlen, die herumgeboten werden, sind absolut unzuverlässig. Niemand weiss, wie viele Menschen tatsächlich fremdgehen. Und wenn Sie von «Meistern im Betrügen» reden, betrachten Sie die Untreue einseitig aus der moralischen Optik.

Es gibt viel Wirbel um die Seitensprung- Plattform, alle scheinen sie zu verdammen. Das enthält doch eine Doppelmoral?
Heer: Ja. Wer aber erlebt hat, was es heisst, längere Zeit in einer festen Beziehung zu leben, weiss, wie anspruchsvoll es auf Dauer ist, dem Partner treu zu sein und sich selbst auch. Das ist nicht Doppelmoral, sondern Dilemma. «Dilemma» ist ein altgriechisches Wort, das «Beziehung» heisst. Beziehung ist ein wahres Kunststück.

Die Betreiber der Website argumentieren damit, dass ein Seitensprung eine Beziehung stabilisieren kann. Kann er das?
Heer: In Wirklichkeit ist das vertrackt. Fast immer hat Untreue destabilisieren- de Folgen für die Beziehung zu Hause: Sie ruiniert das Vertrauen, hinterlässt schmerzlichste Wunden und gefährdet die Beziehung, wenn man sich erwischen lässt. Die Strategen von Ashley Madison wissen das natürlich. Wenn man «in einer unerfüllten Ehe gefangen» sei, biete die Agentur «sexuelle Erfüllung» ausserhalb. In dieser Logik würde das bedeuten, dass die «unerfüllte Ehe» stabilisiert würde. Das ist nett kaschierter Zynismus, finde ich.


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Wie sollen Paare mit der Situation umgehen, wenn einer von beiden oder sogar beide plötzlich andere begehren, die Beziehung aber nicht aufgeben wollen?
Heer: Wenn ich das wüsste ... Das Thema Treue und sexuelle Ausschliesslichkeit ist eines der heissesten Eisen in jeder Zweierbeziehung. Weil wir heute so unglaublich alt werden, kann sich das Thema auch über viele Jahrzehnte hinziehen. Wer es nicht wirklich auf den Tisch bringt, lebt gefährlich. Wenn plötzlich einen von beiden aushäusige Begierden packen, kann es zu spät sein. Zu spät jedenfalls für eine friedliche Suche nach Spielregeln für den Kontakt mit der erotischen Aussenwelt.

Ist eine offene Beziehung eine Lösung?
Heer: Schön wärs. Vor vierzig Jahren hat mans mit der «offenen Ehe» versucht. Sie funktionierte nicht, genauso wenig wie später die amerikanische «Polyamory» und jetzt die «New Mono-gamy». Diese Beziehungsmodelle sollen Sicherheit und Geborgenheit einer festen Beziehung auf einen Nenner bringen mit immer neuen leidenschaftlichen Abenteuern ausserhalb. «Einvernehmliche Untreue» nennt sich das.

Geht das nicht?
Heer: Kaum. Es ist die Quadratur des Kreises. Die Paare muten einander so viel Offenheit zu, dass sie bald einmal den Durchzug nicht mehr aushalten. Die gut gemeinten Konzepte sind naiv und überfordernd.

Worin besteht diese Überforderung?
Heer: Vermutlich sind wir zerrissen vom Spagat zwischen Natur und Kultur. Wenn wir noch nie etwas von Monogamie gehört hätten, kämen wir wohl nicht auf die Idee, unserem Lebenspartner treu zu sein. Es ist anstrengend, sich an feste gesellschaftliche Regeln zu halten. Vielleicht verändern sich diese Regeln langsam. Sehr langsam.

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Verwechseln die Menschen Liebe nicht einfach mit Besitz?
Heer: Nein, sie verwechseln eher Liebe mit Geliebtwerdenwollen. Wenn meine Partnerin mit einem anderen Mann Sex hat, fühle ich mich akut ungeliebt und auf die Seite gestellt. Dabei hätte meine Liebe Gelegenheit, «meiner» Frau liebevoll zuzugestehen, dass sie glücklich ist mit einem anderen. So weit, so gut in der Theorie. In der Praxis ist es unerträglich.

Ist es denn wirklich nicht möglich, jemandem zu lieben und trotzdem mit anderen Menschen zu schlafen, ohne dass dies die Beziehung gefährdet?

Heer: In vierhundert Jahren vielleicht.

Erst in vierhundert Jahren?
Heer: Wir wollen nichts überstürzen. Auf unserem aktuellen evolutionären Entwicklungsstand müssen wir uns wohl eingestehen, dass unsere Herzen sich verkrampfen und verengen, wenn uns der andere sexuell «untreu» wird. Wir fühlen uns verletzt und verängstigt. Sehr sogar. Es macht wenig Sinn, so zu tun, als würden wir das gern aushalten.

Ist das bei Männern und Frauen ähnlich? Oder sind Männer schlimmere Fremdgänger und Frauen eher die Betrogenen? Heer: So sieht es das gängige Klischee. Auf diese antiquierte Idee ist inzwischen aber kein Verlass mehr. Immer mehr Frauen lagern ihre Sexualität wenigstens zeitweise aus ihrer angestammten Beziehung aus, wenn ihnen diese zu karg vorkommt. Wie die Männer. Einfach, weil sie so selbstständig und selbstbewusst geworden sind, dass sie «es sich leisten» können.

Woher kommt eigentlich die Vorstellung von Monogamie? Die Natur hat ja offen- bar etwas anderes mit uns vor?
Heer: Ja, das stimmt wohl. Ethologische Forschungen belegen, dass höchstens 3 Prozent aller Tierarten monogam sind. Unter anderem das herzige Seepferdchen. Wir Menschen sind zwar mit der Fähigkeit ausgestattet, uns heftig zu verlieben und uns nach ewiger Liebe zu sehnen. Aber auch tatsächlich treu zu bleiben, das fällt vielen von uns schwer. Jedenfalls solange noch ein kraftvoller Lebensfunke in uns sprüht.
Dann passiert es: Ich betrüge meinen Partner. Wie soll ich mich verhalten?
Heer: Das weiss ich nicht. Ein fachmännischer Ratschlag wäre sowieso ein Schlag ins Wasser. Denn im Rausch der Hormone sind Sie nur beschränkt ansprechbar. Wer gerade fremdgeht, kann nicht mehr richtig denken. Aber keine Sorge: Sie werden von selbst wieder auf den Erdboden zurückfinden.

Soll ich bei meiner Rückkehr beichten oder nicht beichten?
Heer: Diese Frage stellt sich in den seltensten Fällen. Denn Sie werden sich erwischen lassen. Fast immer mit Hilfe der neuen digitalen Medien, vor allem mittels Handy und E-Mail. Die allerwenigsten Leute sind gewiefte Lügner. Sie sind beim Fremdgehen meistens ungeschickt, kopflos und ausgestattet mit einem sensiblen Gewissen.
«Seitensprungzahlen, die herumgeboten werden, sind absolut unzuverlässig.»
Klaus Heer
Und wenn es rauskommt, wie soll es dann weitergehen?
Heer: Untreue ist Hochrisikoverhalten. Die Folgen sind total unberechenbar. Sie müssen mit allem rechnen.

Auch mit dem Ende der Paarbeziehung?

Heer: Ja, sicher. Manche festen Beziehungen erweisen sich als so brüchig, dass sie die Erschütterungen eines Treuebruchs nicht überstehen. Andere Paare erleben einen dramatischen Um- und Aufbruch, sodass die Liebe überraschend neu aufblüht. Leider weiss niemand im Voraus, was zu erwarten ist.
Jedes Paar ist eine Wundertüte.

HINWEIS
Klaus Heer (66) ist Paartherapeut, Psychologe und Autor. Neustes Buch:
«Klaus Heer, was ist guter Sex?» (Wörterseh-Verlag).
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017