Dr. Klaus Heer

Tagesanzeiger vom 29. Juli 2010
Stacks Image 98705
Stacks Image 9343
«Der Mensch ist eben ein Sehnsuchtswesen»: Tango-Paar.Bild: Reuters

«Beziehungen sind heute wie ein Hühnerstall»

Interview: JONAS SCHOCHER

Paartherapeut Klaus Heer erklärt im Interview, wie Schweizer im Zeitalter des Internets lieben, warum sie nie mit ihrer Beziehung zufrieden sind. Und ob wir tatsächlich wieder konservativer werden.
Welchen Einfluss hat das Internet auf unser Beziehungsleben?
Das Internet hat vor allem neue Methoden geschaffen, wie man sich kennen lernen kann. Dabei ist der grosse Vorteil, dass das Aussehen nicht mehr das einzige Auswahlkriterium darstellt. Das kann viel angenehmer und fruchtbarer sein, als in eine Bar zu hocken und sich anzustarren. Wer sich gut ausdrücken kann und offen ist – auch in Herzensdingen – hat viel mehr Chancen. Das ist spielerisch und kreativ.

Wo liegen die Gefahren?
Richtig gefährlich wirds eigentlich erst, wenn man ein Paar ist. Die neuen Medien, vor allem die sozialen Netzwerke und die gigantische Flut von Internet-Pornografie, setzen uns einer Unzahl von Versuchungen aus. Neue Kontakte aller Art locken allenthalben. In den Chatrooms sind die Übergänge zwischen banalem Gespräch und heissem Flirt fliessend. Fast unbemerkt kann sich ein Austausch erotisch und sexuell färben, und es wird schnell unklar, ob das jetzt nicht bereits Fremdgehen ist.

Sind heutige Paare eher aufgeschlossen oder konservativ?
In den heutigen Beziehungsmodellen sind Treue und Ehrlichkeit nach wie vor erstrangige Bestandteile. Man möchte sich in der Beziehung daheim und geborgen fühlen wie in einem Kokon. Doch sobald man länger in dem Kokon drin ist, ist man bald einmal überfordert und hat Sehnsucht nach etwas anderem. Beziehungen sind wie ein Hühnerstall. Wer draussen ist, will rein, und wer drin ist, will raus. Der Mensch ist eben ein Sehnsuchtswesen.

Geben die Paare immer früher auf?
Solange sie verliebt sind, sind sie fraglos treu und haben Augen für niemanden sonst. Die hormongeschwängerte Intensität der Verliebtheit macht alles zu einem Fest. Man hat Zeit füreinander, kommt sich entgegen, schaut sich verzückt in die Augen, ist sich ganz selbstverständlich treu. Leider geht das Verliebtheitsfest langsam vorbei wie alle Feste. Und es meldet sich die Sehnsucht nach der verlorenen Liebesintensität. Am liebsten möchten sies natürlich mit ihrem eigenen Partner. Sich wieder neu in ihn verlieben, stellen sie sich wunderbar vor. Im Gegensatz dazu ist das drohende Beziehungsende auch heute noch ein riesiger Schmerz und ein unfasslicher Schrecken. Niemand entsorgt leichtfertig ein verblühtes Liebesglück.

Wie geht das denn, sich in den eigenen Partner neu verlieben?
Kein Mensch kann Gefühle, die weg sind, erfolgreich zurückwünschen. Es macht ja auch wenig Sinn, im Hochsommer dem zurückliegenden wunderbaren Frühling nachzutrauern. Weil man nämlich damit die pralle Fülle des Sommers verpasst. Wenn nun die intensive Zeit des Liebesfestes zu Ende geht, entsteht eine ganz neue Intensität: der Kater, die Ausnüchterung. Die Enttäuschung über den anderen, über die Beziehung, über sich selbst. Diese Enttäuschung unerschrocken anzuschauen, kann ein aufregendes Erlebnis sein: Sie macht deutlich, wo meine Täuschung war. Und das kann ein neues, fruchtbares und schmerzliches Thema zwischen den beiden Liebenden werden.

Was ist denn die Standardlösung?
Die einfachere Methode ist die Personalrotation. Man kann sich sagen, alle zwei Jahre lege ich mir eine neue Beziehung zu. Doch das geht nicht endlos. Jeder merkt mit der Zeit, dass sich das Ganze ständig wiederholt. Es kann sich hohl und traurig anfühlen. Es ist ja auch kein besonders erhebender Anblick, wenn man eine Spur von Verflossenen hinter sich herzieht. Mit der Zeit beginnt man an sich selber zu zweifeln, nicht nur am anderen Geschlecht. Man fängt an, sich die richtigen Fragen zu stellen: Bin ich der richtige Partner für jemanden? Anstatt: Wer ist der richtige Partner für mich?
Sie haben geschrieben, dass die Rolle der Frau in der Partnerschaft eine neue ist. Inwiefern?
Die Frau lässt heute nicht mehr alles mit sich machen, was sie während Tausenden von Jahren mit sich machen liess. Die Männer können nicht einfach daran vorbeischauen. In der Enge des eigenen Heims werden sie unausweichlich damit konfrontiert. Viele von ihnen sind ratlos. Wie lebt man mit einer Frau, die man liebt, auf gleicher Augenhöhe? Das ist in allen Bereichen schwer. Am anspruchsvollsten ist es wohl in der Sexualität. Dort sind die Differenzen zwischen zwei Menschen viel grösser, als wir es in unseren Sehnsüchten wahrhaben wollen. Wir sind uns viel fremder, als uns lieb ist.

Manche Stimmen fordern darum eine Rückkehr zu konservativen Rollenmustern. Gibt es diesen Backlash in der Realität?
Ich bekomme das nicht wirklich mit. Ich habe es zum Beispiel mit vielen Patchwork-Familien zu tun. Das ist doch nicht konservativ. Das sind neue Wege und neue Ideen, mit denen ich konfrontiert werde: Leute, die etwas ausprobieren und merken: Es ist anspruchsvoll! Gerade wenn Kinder beteiligt sind. Kinder, die mit den neuen Partnern nicht auskommen, neue Partner, die mit den Kindern Mühe haben. Das sind grosse Herausforderungen.

Ist das Paar- und Familienleben allgemein anspruchsvoller geworden?
Ja, auch das berufliche Leben meiner Klienten. Das ist enorm. Die Leute haben einfach keine Zeit füreinander. Die Sehnsüchte sind gross und tief, doch es fehlen der Platz und die Kraft, sie umzusetzen.

Liebessuche im Web

Eine Studie belegt: 50 Prozent aller Singles machen sich online auf die Suche nach einem Partner, einer Partnerin. Die Studie hat die Online-Partneragentur Parship.ch in Auftrag gegeben. Durchgeführt bat sie das Markt und Meinungsforschungsinstitut Marketagent.com. Anfang Juli wurden 1000 Personen zwischen 14 und 69 Jahren aus der Deutsch- und Westschweiz zu ihrem Beuteschema befragt.

Zwar lernten die meisten der Befragten ihre bisherigen Partner im Ausgang, durch Freunde oder am Arbeitsplatz kennen. Inzwischen folgt aber bereits das internet an vierter Stelle. Jeder siebte Schweizer hatte schon einmal jemanden übers Netz kennen gelernt. Aktiv und erfolgreich im Internet suchen vor allem die 20- bis 39-Jährige.

Partnerbörsen spielen bei der Suche nach der grossen Liebe eine immer grössere Rolle. 50 Prozent der Singles, die im Internet nach einem Partner oder einer Partnerin Ausschau halten, suchen gezielt über eine solche Plattform. Bei knapp einem Drittel wurde aus einem Internet-Chat eine Liebe. Soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ sind laut Studie im Singlemarkt weniger wichtig. «Mit sozialen Netzwerken werden in erster Linie Kontakte gepflegt, sagte Martin Dobner, Geschäftsführer von Parship.ch und Auftraggeber der Studie, gestern an einer Medienkonferenz.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017