Dr. Klaus Heer

Domicil Zeitung vom April 2011
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Mit Leib und Seele

Um erotisch fliegen zu können, braucht es Risiko­bereitschaft, braucht es Hingabe mit Haut und Haaren, mit Augen und Ohren – auch bei bejahrten Menschen. Ein Gespräch mit dem Paartherapeuten Klaus Heer.
VON ANGELIKA BOESCH
Sex im Alter – noch immer ein Tabu­thema?
Klaus Heer: Tabu ist das Thema nicht, öffentlich ist viel davon die Rede. Aber ältere und alte Paare äussern sich dazu nur selten.

Sind bejahrte Paare denn anders?
Aber ganz sicher! Leute in ihrem achten und neunten Lebensjahrzehnt müssen sich mit der Realität anfreunden, dass sich ihre Sexualität im Laufe der langen Zeit sehr verändert hat.

Könnte es auch sein, dass Sexua­lität unwichtig wird?
Ja, es entspricht durchaus dem stillschweigenden gesellschaftlichen Konsens, dass man die Sexualität im Alter «den Jungen überlässt». Alles Körperliche an den Nagel zu hängen, scheint für viele einfacher zu sein, als gemeinsam eine Erotik zu suchen und zu finden, die jetzt – im Alter – für beide stimmt.

Wie könnte denn gemeinsame Erotik im Alter glücken?
Eros ist ja das griechische Wort für Neugier. Zwei alte Menschen, die neugierig sind aufeinander und auf sich selbst, werden eine geglückte Sexualität haben. Wer bist du als Frau, als Mann? Wer bin ich?

Gehört zum Eros aber nicht mehr als «nur» Sexualität?
Klar ist lebendiger, herzwarmer Eros eingebettet in einen liebenden Zusammenhang. Aber wir reden hier ausdrücklich von Sexualität. Und Sexualität hat zu tun mit Haut und Schleimhaut, mit Haar und Schwellkörper, mit Augen und Ohren, mit Lippen unten und oben, mit Stimme und Sprache und Stille. Und wenn wir Glück haben: mit Liebe.

Liebe ist ...?
«Liebe ist das Vergnügen, das zwei Menschen aneinander haben», sagt der kauzige Friedrich Nietzsche. «Natürlich auch im Bett!», sage ich.

Was aber, wenn das Vergnügen im Laufe langer Jahre «eingeschlafen» ist?
Das Vergnügen bleibt ein Vergnügen, auch wenn es schläft. Es nimmt dann einfach andere Formen an: zum Beispiel Golf, Essen, Trinken und vor allem Fernsehen. Jeder lebende Schweizermensch schaut 204 Minuten fern, jeden Tag. Im Durchschnitt. Meine Erfahrung: Den Leuten sind 10vor10, Tatort und Samschtig-Jass entschieden wichtiger als Sex. Allen Leuten, nicht nur den Alten. Auch jenen, die sich darüber beklagen, dass ihnen die Sexualität im Leben fehlt.

Das ist ja interessant, das von Ih­nen zu hören. Ist es denn nicht Ihre Aufgabe, die Alten und die Jungen vom Fernseher weg ins Bett zu bringen?
Ich bin nicht Herkules; mit diesem Auftrag wäre ich heillos überfordert. Ich stelle bloss fest, wohin die tatsächlichen Triebe und Gelüste der Leute tendieren. Sexualität mit Haut und Haaren ist den meisten Menschen zu anstrengend, zu aufwendig. Und auch zu riskant. Sie konsumieren lieber. Oral, visuell, mit den Ohren. Und oft auch genital. Stichwort Pornografieflut.

Gibt es denn bejahrte Menschen, die bei Ihnen Hilfe suchen, weil Ihnen bewusst wird, dass sie ein langes Leben lang dieses «mit Haut und Haaren» vermieden haben?
Es sind vor allem Leute mittleren Alters, die mit solchen Anliegen zu mir kommen. Die Erfolge der gemeinsamen Anstrengungen sind
indes, ehrlich gesagt, nicht wirklich überzeugend. Meistens siegen die Kräfte der Gravitation. Ein Paar müsste genau diese überwinden, um erotisch fliegen zu können. Will heissen, die Zwei müssten viel mehr in die Beziehung investieren, als sie motiviert sind. Bei den älteren und alten Paaren sehe ich noch weit weniger rosig. Die allermeisten haben es sogar aufgegeben, über ihren erotischen Mangel zu klagen.

Und trotzdem scheint es doch wirklich glückliche alte Paare zu geben. Nur Fassade?
Vermutlich ist es die resignative Reife, die diese Seniorenpaare glücklich macht. Je weniger man vermisst und wünscht, umso zufriedener ist man. Meine Erfahrung zeigt, dass man sich die Sexualität im Lauf der Paarbiografie zuerst abschminkt, schon nach zehn bis fünfzehn Beziehungsjahren – notgedrungen. Das ist sicher schmerzhaft, aber wohl unverzichtbar für den Seelenfrieden. Und vielleicht auch für den Paarfrieden.

Am zufriedensten und glücklichs­ten müssten demzufolge die bejahrten Verwitweten und Allein­ stehenden sein.
Glücklich ist der Mensch, der sein Leben voll annimmt, so wie es ist. Ich kann also mit meiner Partnerin zölibatär und heiter leben. Zum Beispiel weil ich mir eingestehe, dass wir jetzt im Alter offenbar beide die nötige sexuelle Liebesmüh nicht aufbringen wollen oder können. Sexualität ist ja nur eines der vielen luxuriösen Geschenke, die das Leben für uns bereithält.

Herzlichen Dank für das anregende und vergnügliche Gespräch.

Klaus Heer,


68, in Luzern geboren. Studium der Psychologie in Hamburg und Bern. Promotion 1973. Ausbildung in Psychotherapie sowie in Paar- und Familientherapie. Seit 1974 Privatpraxis für Paartherapie in Bern. Von 1968 bis 1992 Sendungen am Schweizer Radio DRS wie z.B. «Sind Sie sinnlich?» oder die 20-teilige Reihe «Ehe – Sexualität». Autor vieler Artikel in diversen Zeitungen und Zeitschriften und zahlreicher Bücher. Gefragter Interviewpartner.
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© Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor