Dr. Klaus Heer

blue News vom 14. März 2021
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«Eine Brutstätte intimer Gewalt, nicht nur bei den Windsors»

Meghan und Harry haben es der Welt und vor allem ihrer eigenen Familie mal so richtig gezeigt. Aber wozu das alles? Und können die beiden je wieder zurück in den Palast? Ein Beziehungsexperte klärt auf, soweit das überhaupt geht.

VON BRUNO BÖTSCHI
Klaus Heer, das TV-Interview mit Meghan und Harry bei Oprah Winfrey ist seit Tagen in aller Munde. Haben Sie das Gespräch und die Berichterstattung dazu etwas mitverfolgt?
Ja, ich bin über den Hype gestolpert.

Haben Sie das Interview gesehen?
Die erste Viertelstunde, dann läutete das Telefon und ich habe das Ganze vergessen. Nach Ihrer Anfrage gestern Abend habe ich dann jedoch das Interview in voller Länge angesehen.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten, dass Meghan und Harry öffentlich über die Probleme mit der royalen Familie reden wollen?
Ich dachte an Harrys Mutter und ihr BBC-Interview vor gut einem Vierteljahrhundert. Diana Spencer, in ihrem engen schwarzen Kleid und den grossen traurigen Augen, tat mir damals leid, wirklich. Wie Millionen anderen Zeitgenossen.

Kurz vor der Hochzeit von Meghan und Harry sagten Sie in einem Interview: ‹Wenn sie sich lieben, brauchen sie keinen Tipp. Wenn nicht, ist auch der beste Tipp wahrscheinlich für die Katz.›
So blöd ist der Gedanke gar nicht! Könnte von mir sein (lacht).

‹Ein Mangel an Unterstützung und Verständnis›: So fasst Prinz Harry in dem Gespräch die Gründe für den Rückzug aus der royalen Familie zusammen. Meghan sagt: ‹Die Queen hat mich immer unterstützt.› Die Ausgangslage scheint ziemlich verworren zu sein.
Wenn ich so eine oberfeudale Grossmutter, beziehungsweise Grossschwiegermutter hätte, würde ich ihr auch kein Haar krümmen wollen. Mein persönliches Fazit: Die Familie scheint vielerorts eine Brutstätte intimer Gewalt zu sein. Psychisch. Physisch. Nicht nur bei den Windsors.

So grundsätzlich: Wie kommt es dazu, dass erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen wollen?
Die Versöhnung der erwachsenen Kinder mit ihren Eltern ist häufig ein dorniges Projekt. Eine handfeste Lebensaufgabe ist das!

Warum dornig?
Unsere Hardware besteht zu 100 Prozent aus unseren beiden Eltern. Für viele Leute peinlich.

Warum peinlich?
Der werden, der ich bin ­– manche schaffen das ein Leben lang nicht. Zu abstossend ist manchmal der Satz: ‹Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.›

Die sogenannte frühkindliche Deprivation ist immer wieder ein Thema, wenn es um Familienstreit geht.
Sie drücken sich gepflegt aus, Herr Bötschi. Auf Gutdeutsch heisst das: Man liebt das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Doch gescheiter wäre wohl, sich allmählich auf die eigenen Beine zu stellen, aufrecht.
Im Fall von Harry scheint der umgekehrte Fall eingetreten zu sein: Prinz Charles, sein Vater, geht nicht mehr ans Telefon.
Schlimm, gell! Aber Papa war bestimmt grad am Chillen. Mit seiner Camilla.

Was soll man als Kind in so einem Fall tun?
Es mit SMS versuchen. Ein paar Mal.

Die Windsors sind ja nicht irgendeine Familie, sondern wohl die berühmteste der Welt.
Ja, und?

Die royale Familie hat offenbar nichts gelernt aus dem Präzedenzfall Diana?
Nein. Erstaunt Sie das?

Warum denken Sie, sind Meghan und Harry mit ihren Vorwürfen jetzt an die Öffentlichkeit gegangen, obwohl der Prinz seit dem Unfalltod seiner Mutter den Medien durchaus kritisch gegenübersteht?
Publizität gehört doch zum imperialen Geschäftsmodell der Firma Windsor.

Harry sagt, er möchte nicht, dass Meghan und sein Sohn Archie das erleben, was er als Kind durchgemacht hat.
‹Mein Kind soll es mal besser haben als ich.› Ein beliebter Gemeinplatz aus dem Poesiealbum selbstloser Eltern, auch solcher, die das werden wollen. Warum eigentlich?

Es heisst doch immer: Familie hat man, Freunde sucht man sich aus. Warum ist es trotzdem so schwer, sich von der eigenen Familie zu lösen?
Eben, weil man die Familie fix an der Backe hat, für immer. Genau genommen kann man sich nicht von ihr lösen. Der kleine Ast kann sich nicht abmelden vom nächstgrösseren, an dem er angewachsen ist.

Wie verletzt wären Sie als Vater, wenn Ihnen Ihre Tochter und Ihr Schwiegersohn derartige Vorwürfe öffentlich um die Ohren hauen würden?
Hmm … Wäre schon derb. Hätte ich null Bock drauf. Zum Glück wäre kein Medium scharf auf meinen familiären Allerweltsscheiss.

Was denken Sie: Bedeutet dieses Interview den endgültigen Bruch?
Woher soll ich das wissen, bitte? Aber mein Bauch brummt: Wohl eher nicht in den nächsten Jahren. Denn – so heisst der ranzige Spruch: ‹Blut ist allemal dicker als Wasser.› Oder so ähnlich.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2021