Dr. Klaus Heer

Name: Lisa
Alter: 46
Beruf: Lehrerin
Beziehung: Seit 23 Jahren verheiratet mit Theo, 46, Zeichenlehrer
Kinder: Drei
7. Januar
Nehmen Sie an, ein Mäuschen hätte Sie beide heute Morgen beobachtet. Woran hätte es gemerkt, dass er Sie liebt?
Es hätte gesehen, wie der Mann in seine Regenklamotten steigt und mir das Auto überlässt, obwohl ich es nicht unbedingt bräuchte. Und es dächte: Oops, der kommt ihr aber schön entgegen, schon am Morgen um sechs!
So etwas spricht Ihr Herz an?
Gewiss. Und wenn er verschlafen in der Unterhose sein Müesli mampft, mag ich ihn einfach gern. Da werde ich einen Augenblick lang ein wenig weich.
Heute überliess er Ihnen das Auto. Das scheint Ihnen aufgefallen zu sein.
Ja, wenn wir gleichzeitig das Auto brauchen, aus beruflichen Gründen zum Beispiel, dann lenke ich ein und nehme öffentliche Verkehrsmittel. Jetzt kommt der Clou: Hinterher bin ich sauer auf ihn! Ich sage erst nicht klar, was ich brauche, nachher mache ich ihn verantwortlich. Seine Arbeit ist so viel bedeutsamer als meine, ha! Vielleicht gebe ich ihr mehr Gewicht, weil er ein Mann ist.
Wie gerecht sind die Lasten verteilt?
Für mich ist es okay, dass ich einen Grossteil der Hausarbeit übernehme. Aber in Stresszeiten bräuchte ich seine Unterstützung. Doch er investiert so viel in seinen Beruf, dass für zu Hause nichts übrig ist, gar nichts. Dort bleibt alles an mir hängen. Dabei ist mir Hausarbeit genauso zuwider wie ihm.

25. Februar
Dann wurden Sie eine Familie.
Wir zogen in ein kleines Haus am Bodensee. Gleichzeitig schlossen wir beide unsere Ausbildungen ab. Theo war viel unterwegs. Ich war allein zu Hause mit dem kleinen Kind. Meine Idee einer innigen Zweisamkeit zerfiel. Theo konnte zudem mit dem Baby nicht viel anfangen. Er sagte immer, wenn er mal mit ihm reden könne, werde es besser.
Das alles nahmen Sie ihm übel?
Ich zeigte es nicht deutlich, aber ganz innen war ich oft sehr stachelig. Ich war zunehmend enttäuscht, dass es in seinem Leben viel Wichtigeres gab als uns. Heute ist mir klar: Ich musste dringend lernen, selbstständig zu werden. Das war mühsam, ebenso unsere anhaltende Bettflaute nach der Geburt.

5. März
Beim letzten Chat ist plötzlich ein zweiter Mann auf der Bildfläche erschienen.
Inzwischen waren ein zweites und ein drittes Kind gekommen, und Theo hatte sich bis zum Hals in die Renovation unseres Hauses gestürzt. Wir lebten uns mehr und mehr auseinander. Ich erinnere mich, dass ich an einem Herbstabend vor unserem Haus stand und wie mir dämmerte: Wenn es so weitergeht, vertrockne ich wie diese Herbstblätter! Ich hatte nicht zähmbare Lust auf Leben in mir. Von da an verknallte ich mich ein paar Mal flüchtig in andere Männer, Theo war über alles im Bild, es gab gehörige Krisen, aber zwischen uns blieb alles trist. Eines Tages der Gegenschlag: Theo verliebte sich in eine andere Frau, in meine beste Freundin! Auf einen Schlag verlor ich meine beiden engsten Vertrauten. Dann begriff ich die neue Situation als Pass in die eigene Freiheit.
Sie sorgten für Gleichgewicht?
Au ja! Philippe wurde mein Geliebter. Ich war von Sinnen. Wir warfen uns in den Liebestaumel, der über sieben Jahre dauerte. Ich tat Dinge, die ich nie für möglich gehalten hätte. Mitten in der Nacht fuhr ich zu ihm, weg von meinen Kindern. Alles mit elend schlechtem Gewissen! Nach einem knappen Jahr – die grosse Krise: Ich wurde schwanger, von Philippe.
Wollten Sie schwanger werden?
Ja und nein. Als wir uns liebten, an jenem 2. März, spürte ich die Empfängnis, ich hatte sie in Kauf genommen. Danach kam die schwärzeste Woche meines Lebens: Ich musste mich für oder gegen das kleine Leben entscheiden. Für oder gegen das Kind der Liebe, für oder gegen Theo, den ich nicht verlieren wollte. Ein Riesenschlamassel! Ich kämpfte hart und entschied mich für das Kind. Vier Wochen später verlor ich das Kind.
Haben Sie Ihre Trauer nach dreizehn Jahren überwunden?
Ja, wir haben endlos darüber gesprochen, und das Kind, so klein es auch war, hat seinen Platz in meinem Herzen.
Theo unterstützte Sie bei Ihrem Entscheidungsstress?
Kaum. Er schlug immer wieder radikale Lösungen vor wie: «Du treibst ab, und wir fangen noch mal von vorne an.» Das hiess für mich: Alles bleibt beim Alten. Und das wollte ich nicht.
Sie fühlten sich damals von ihm nicht verstanden?
Total allein gelassen! Irgendwann hat er sich wutentbrannt den Ehering vom Finger gerissen und schmiss ihn in den See. Ich war sauer, weil er damit symbolisch mit mir gebrochen hat. Meinen Ring hätte ich nämlich auch so gerne weggeworfen, aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht alles liegen und stehen lassen, um zu meiner grossen Liebe überzulaufen. Wild entschlossen suchte ich nach einer gangbaren Lösung für alle. Zwei, drei Jahre lang wusste ich nicht, was ich mit dem Ring anfangen sollte, ich trug ihn um den Hals, verstaute ihn in einer Schublade, wollte ihn einschmelzen lassen. In einer heiligen Handlung warf ich ihn schliesslich auf dem See über Bord.
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Und mit ihm Ihre wilde Entschlossenheit, für Ihre Familie zu kämpfen?
Nein, das nicht. Aber unsere Beziehung war ganz unten angekommen. Theo war oft verzweifelt, ausser sich, manchmal jähzornig. Es gab ein paar sehr unschöne Szenen.
Gewalt?
Ja. Einmal oder zweimal warf mich Theo zu Boden, vor den Kindern. Eine der Szenen war für mich besonders erniedrigend. Wir hatten eine Flasche Süsswein aufgemacht, im Gespräch kamen wir auf heikles Gelände, ich sagte irgendetwas zum Thema Weggehen, Loslassen oder so. Theo geriet in Rage und goss die Flasche über meinem Kopf aus. In diesem Augenblick ist in mir das letzte Fädchen beinah gerissen. Wir stürzten sehr tief ab. Ich war immer überzeugt, dass ich schuld war an seinem Ausrasten. Vor lauter Schuld-auf-mich-Nehmen war ich fast handlungsunfähig. Er trampelte beliebig auf mir herum, ich konnte mich höchstens mit Weinen wehren, aber auch nur, bis er meine Tränen satt hatte! Er spürte, dass ich nicht wirklich gerade stand für meine «Missetaten» und deren Folgen, sondern meine Hilflosigkeit vorschickte.

12. März
Irgendwie müssen Sie ja damals die Kurve gekriegt haben.
Ganz langsam, ja. Ich bin Theo dankbar, dass er allmählich meine Liebe wieder angenommen hat. Er scherte sich nicht mehr darum, als Schlappschwanz dazustehen, der sich so viel Untreue von mir hatte gefallen lassen. Umgekehrt hielt ich Stand, wenn er mich wutentbrannt aus dem Haus warf. Wir hatten beide den langen Atem, diese sehr schweren Jahre durchzustehen.
Sind Sie damals zur Monogamie zurückgekehrt, beide?
Faktisch ja. Wir hatten seither weder Gelegenheit noch Lust auf neue Affären. Aber ich glaube, wir fühlen uns beide frei. Wir haben uns nie ausdrücklich zur Treue verpflichtet.

30. März
Der Weg zurück zu Theo war weit, sagten Sie vor zwei Wochen.
In unserem Liebesleben gab es eine mehr als zehnjährige Durststrecke, so gut wie keinen Sex erst, dann ganz sporadisch. Für mich war es extrem schwierig, mich nach der Liebe mit Philippe wieder mit Theo einzulassen. Erst vor ein paar Monaten habe ich mich richtig entschieden, mich mit ihm zu engagieren für ein neues erotisches Leben. Im Moment tasten wir uns sachte vor. Vielleicht bin ich es, die vorangeht, Theo zieht eher mit.
Wie machen Sie das?
Ich bin jetzt egoistischer! Anstatt vornehmlich ihn zu verwöhnen, bin ich jetzt mehr auf meine Lust aus.
Woran merken Sie den Unterschied?
Theo ist ein Morgenmensch, ich das genaue Gegenteil. Am Morgen ist er meistens sehr lustvoll. So auch am letzten Samstag früh, wo er zu mir rüberrutschte, zärtlich wurde – durchsichtig, was er wollte! Früher hätte ich ihm den Rücken zugekehrt, jetzt machte ich mir einen Spass draus, in Worte zu fassen, was er offensichtlich vorhatte.
Sie vertonten also seine Absichten.
Ich flüsterte ihm ins Ohr: «Du hast Lust auf mich? Willst mit mir vögeln? »
«Vögeln»? Das Wort haben Sie in den Mund genommen?
Klar. Und es auf der Zunge zergehen lassen! Das ist ganz neu für mich. Er war baff. Fast schockiert, aber er lachte und schlug vor, wir könnten doch erst mal gemütlich frühstücken und dann weitersehen.
Er überlässt Ihnen die erotische Initiative?
Ja. Und schläft manchmal schlicht und einfach ein beim Schmusen.

Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017