Dr. Klaus Heer

Name: Arthur
Alter: 59
Beruf: Unternehmensberater
Beziehung: Seit 32 Jahren zusammen mit Livia, 53, Teilzeit-Apothekerin
Kinder: Drei
26. Juni
Sagen Sie: Wann haben Sie zum letzten Mal bereut, verheiratet zu sein, und warum?
Ich würde es jeden Tag bereuen, geheiratet zu haben. Mir ist es gelungen, über dreissig Jahre ohne staatliche Sanktionierung mit Livia zusammenzuleben, mich jeden Morgen frei für einen weiteren Tag mit ihr zu entscheiden. Weil ich sie liebe.
Konkret bitte!
Früher war es so: Wenn ich erwachte, drehte ich mich als Erstes zu Livia, die noch schlief; ich schaute sie eine Weile an und freute mich über sie, fast wie ein Kind! Meine Entscheidung für Livia gilt eigentlich immer nur für einen weiteren Tag, ich kann meine Gefühle nicht länger voraussehen. Wenn wir zusammenkommen, ist da immer dieses starke Gefühl: Wie schön, dass es dich gibt! Bei jedem Abschied, bei jeder Rückkehr umarmen wir uns, wir küssen uns auf den Mund.

2. Juli
Dennoch kommt Ihnen bei Ihrem Leben mit Livia ein leiser Zweifel, Sie könnten etwas Wichtiges übersehen haben?
Ich leide oft darunter, dass ich es nicht ertrage, ein ganz normaler Ehemann und Vater zu sein. Zuwider ist mir das Bild von dem Mann, der ständig da ist, langweilig feierabendlich dahindöst, erlebnishungrig und frustriert. Und zwischen den öden Fernsehprogrammen liefert er sich mit seiner Frau fade Kämpfe. Ich musste mir vor Jahren schon eingestehen: Ich bin kein Spielvater, kein Ehemann, der alles mit seiner Frau teilt und eng mit ihr zusammenlebt. Das ist unser, für mich erträglicher, sogar erfreulicher Kompromiss. Ich meine den zwischen den Anforderungen der Familie und meinem angeborenen starken Hang zum selbstbezogenen Weltenbummler.

25. September
Waren Sie Livia in den letzten Tagen treu?
Nein.
In Gedanken, Worten und Werken untreu?
Rundum untreu. Ich empfinde das aber nicht als Treuebruch gegenüber Livia.
Also nicht die Spur eines so genannten schlechten Gewissens?
Keine Spur. Ich hab ihr eben in aller Ruhe begegnen können.
War das mit der anderen Frau vielleicht heute Abend?
Ja.
Und als Sie eben zur Tür hereinkamen, mussten Sie da Energie aufwenden, um zu tarnen, was kurz zuvor gelaufen war?
Nein. Wir geben uns seit Jahren keine Rechenschaft über die Zeit, die wir ausser Haus verbringen, wir berichten nicht darüber. Wir gestehen uns die Freiheit zu, das zu erzählen, was wir teilen wollen, mehr nicht. Meine Inselerlebnisse bleiben immer auf der Insel.
Sie geben sich nicht die geringste Mühe, zu verhindern, dass Livia etwas wahrnehmen könnte von Ihrem Inselausflug?
Sie kann wahrnehmen, dass ich ihr entspannt und liebevoll begegne, dass ich sie liebe. Ich spiele sie nie aus gegen andere Frauen. Mit denen lebe ich eben jenen trieb- und körperbetonten Sex aus, von dem Livia verschont bleiben will.
Das alles haben Sie beide so beschlossen?
In Raten, ja. In unseren ersten Beziehungsjahren hatten wir beide andere Leute im Bett. Livia war sogar die treibende Kraft. Sie schonte mich nicht. Später wurde sie extrem eifersüchtig! Bis wir schliesslich übereinkamen, unsere Inselaktivitäten vom Festland unserer Beziehung fern zu halten. Als Livia dann Jahre später immer weniger Lust auf Penetrationssex hatte, fragte ich sie, wie machen wir das jetzt mit meinen sexuellen Bedürfnissen? Sie sagte, sie wisse sehr wohl, dass ich weiterhin aktiven Sex brauche, das sei in Ordnung. Aber sie wolle niemals erfahren, wie ich das konkret mache und mit wem.
Ihre Tarnung ist also vertragsgemäss perfekt.
Sie scheinen dem alten Modell von Untreue verhaftet zu sein: Vergehen – schlechtes Gewissen – Angst vor Entdeckung.
Dieses Modell ist alt, aber mehrheitsfähig.
Und produziert jede Menge Elend.
Sie haben Ihre beiderseitige Fähigkeit, einander Freiraum zuzugestehen, als Ihr einzigartiges Beziehungsmarkenzeichen beschrieben.
Habe ich das? Ich bilde mir nicht viel darauf ein, freue mich aber schon, dass uns diese Investition so viel Beständigkeit, Vertrauen und Nähe beschert hat.
Und Sie selbst sind kein bisschen eifersüchtig?
Eifersüchtig, ich? Ihre Frage überrascht mich! Womöglich bin ich zu blind, zu abgestumpft, um mich damit zu befassen... Aber ich glaube, ich bin zu glücklich mit Livia, und ich bewundere ihre Tiefe und Einfachheit, wenn es um die zentralen Lebensfragen geht: Da brauche ich keine Eifersucht.
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Schliessen Sie vollkommen aus, dass sie auch ihre verborgenen Inseln hat?
Ich weiss es nicht. Aber ich wünsche mir das sehr, und ihr auch. Sie ist nicht mein Besitz, ich lebe mit ihr. Wenn es in ihrem Leben jemanden gäbe, mit dem sie seelisch oder gar körperlich noch besser harmonieren würde als mit mir, wäre ich froh für sie.Ganz gratis wird die Offenheit Ihrer Beziehung wohl doch nicht zu haben sein, oder?
Mich selbst stimmt es manchmal wehmütig, traurig sogar, dass ich Erlebnisse, die mir sehr wichtig sind, nicht mit ihr teilen kann. Das ist wohl der Preis, den ich bezahlen muss.

28. Januar
Sechzehn Monate sind vergangen seit unserem letzten Gespräch.
Seither ist bei uns viel passiert. Livia und ich haben eine Schwelle überschritten. Wir waren gezwungen, uns neu zu orientieren. Die Kinder brauchen uns weniger, wir zwei sind mehr miteinander konfrontiert. Ich hatte schon länger das Gefühl, dass Livia mich beobachtet. Tatsächlich fand sie Hinweise, dass ich unnötig viel weg bin. Bei sich nährte sie die Vermutung, eine andere Frau könnte im Spiel sein.
Was waren das für Indizien?
Als ich von einer längeren Geschäftsreise zurückkehrte, fand ich sie abweisend vor. Ich fragte sie, was los sei, und sie rückte schliesslich eine alte Hotelrechnung für ein Doppelzimmer heraus, die ich dummerweise auf meinem Bürotisch hatte liegen lassen. Livia nahm an, dass ich mit einer Freundin ein paar gemeinsame Tage verbracht haben musste. Bei ihren detektivischen Nachforschungen hatte sie ausserdem eine Packungsbeilage von Cialis®1 (Potenzmittel) entdeckt. Ihre Schnüffelei hat mich echt geärgert. Wir hatten doch vereinbart, einander Freiheit zuzugestehen! Nun begann ein tagelanges Hin und Her, wie in einer Soap. Mir war die schäbige Rolle des Betrügers zugedacht, sie wählte die Rolle der verletzten Betrogenen.
Was irritierte Livia besonders?
In unseren stundenlangen Diskussionen stellte sich heraus, dass sie sich immer vorgestellt hatte, ich würde meine sexuellen Bedürfnisse mit den mietbaren Frauen eines Escort-Services befriedigen. Ihre Funde wiesen aber auf eine feste Konkurrenzbeziehung hin. Das bedrohte sie massiv. Sie befürchtete, ich würde sie verlassen, sobald die Kinder ausgeflogen wären. Sie begann, unsere ganze Beziehungsgeschichte neu zu kombinieren und argwöhnte plötzlich, ich hätte sie und die Familie jahrelang links liegen lassen.
Sie kamen in Rückenlage?
Mir war, als zerbreche unsere vertrauensvolle Beziehung für immer. Sollten wir jetzt tatsächlich zur grossen Gemeinde jener Ehepartner gehören, die einander unablässig beschuldigen und verachten, sich aber aus Altersgründen nicht mehr verlassen können? Oder zeigten sich jetzt die Folgen unseres vorgezogenen sexuellen Ruhestandes?
Hätten Sie sich vorstellen können, sich von Livia zu trennen?
Ja, lieber ganz allein sein, als vom Ablehnungsgift zerfressen werden!
Ich frage noch mal: Könnte es sein, dass Ihre Ehe im Moment gefährdet ist? Haben Sie zu hoch gepokert?
Das könnte sein, ja. In unserer jetzigen Lebensphase wird es immer wahrscheinlicher, dass man einander verliert. Nicht nur wegen unverarbeiteter Enttäuschungen.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017