Dr. Klaus Heer

Wir Eltern vom 2. Februar 2002
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Vom unlustigen und wollüstigen Lieben

Braucht Liebe Worte? Aber ja! Der Berner Paartherapeut Klaus Heer ist für den Gebrauch von lustvollen Wortspielereien, die den Sex im Ehebett erst so richtig aufregend machen. «Wonneworte» nennt er sie.
wir eltern Als Paartherapeut sind Sie täglich mit sexuellen Problemen von Paaren konfrontiert, was braucht es eigentlich für Zutaten oder Ingredienzien für guten Sex?
Klaus Heer Mit der Sexualität ist es tatsächlich ähnlich wie mit dem Essen: Ohne liebevollen Aufwand wirds nicht fein. Erst ist es langweilig, dann abstossend. Viele, speziell Männer, unterschätzen diesen Aufwand. Sie gehen davon aus. Sex musste von selbst «klappen» -vorerst sicher bis zur Silberhochzeit -. wenn man sich nur genügend liebe. Die Wirklichkeit sieht indes anders aus: Die Paare lieben einander doch wirklich, aber dennoch klemmts oft kläglich im Bett.

Was fehlt denn?
Eine einfache Erkenntnis! Sex ist kein Geschäft, das zwischen den Beinen getätigt wird. Kopf und Herz möchten unbedingt auch mitreden! Wann immer wir mit anderen Menschen zusammen sind, reden wir doch auch mit ihnen, am liebsten, wenn wir sie lieb haben. Ziemlich merkwürdig, dass wir verstummen, sobald wir uns ganz nahe kommen ...

Macht stummer Sex etwa keinen Spass?
Doch, natürlich! Aber am schönsten ist es in der Liebe immer, wenn sich beide frei fühlen können. Frei zu reden oder zu schweigen zum Beispiel. Vielleicht ist mein Herz so voll, dass der Mund überlaufen möchte. Oder vielleicht fehlt mir etwas beim Zusammensein, oder irgendetwas stört mich dabei. Und jetzt fehlen mir die Worte, um auszudrücken, was mich bewegt - ist doch jammerschade!

Offenbar ist es schwierig, über sexuelle Bedürfnisse zu reden oder sexuelle Wünsche zu äussern.
Ja, weil wir in der Sexualität extrem verletzlich sind und fürchten. wir könnten es nicht ertragen, wenn unser Wunsch abgeschlagen oder nicht ernst genommen würde.

Wie ist diese Verletzlichkeit zu erklären?
Eigentlich sind wir nie so nackt wie beim Sex! Wir exponieren uns, geben uns eine Blosse im wortwörtlichen Sinn. Körper und Liebe gehen uns sehr nahe. Es ist das Intimste, was wir kennen. Dabei ist das Wünschen noch vergleichsweise einfach. Viel anspruchsvoller kann es werden, etwas wirklich Unangenehmes zu sagen. Zum Beispiel wenn jemand Mühe hat mit dem Körper- oder Mundgeruch des anderen.

Wo und wie lässt sich das bewerkstelligen?
Nicht jede Situation eignet sich für ein schwieriges Gespräch. Grundsätzlich sind Bett und Auto ungünstig, die Nacht meist auch. Jedes Paar muss selber herausfinden, wo und wann es die besten Erfahrungen mit heissen Themen gemacht hat. Zudem hängt viel davon ab, wie die Dinge gesagt werden. Es macht einen Unterschied, ob ich zu hören bekomme: «Mann, du stinkst!» oder aber: «Am liebsten würde ich jetzt mit dir spielen - unter der laufenden Dusche: Das würde mich richtig antömen! Okay?»

In ihrem Buch sagen Sie. Eheleute meinten öfter zu wissen, was den anderen erregt «ohne es wirklich zu wissen». Man könnte doch fragen.
Klar! Sonst fragen wir ja auch immer, wenn uns etwas interessiert! Einzig in der Sexualität versuchen wir auf umständliche pantomimische Weise, uns zurechtzufinden. Viele Männer würden sich zum Beispiel eher die Zunge abbeissen, als ihre Frau fragen: «Ich bin eigentlich immer ein wenig unsicher, wie ich dich an der Klitoris berühren und scharf machen soll. Kannst du mir zeigen und erklären, wie das geht bei dir?»

Wielleicht sollte man besser spüren, was die Partnerin möchte!
Spüren ist gut, spüren und fragen ist besser! Die Erfahrung zeigt nämlich, dass die meisten nichtverbalen Signale vieldeutig sind. Beispiel: Wenn jemand grad keine Lust hat, kann sein Partner unmöglich wissen, wo der Haken ist. Es kommen hundert oder mehr Gründe in Frage. Nun neigen wir dazu, solche Wissenslücken mit Fantasien zu füllen. Leider sind diese Fantasien gewöhnlich falsch.

Umgekehrt ist es ja auch nicht einfach, dem Partner zu sagen, dass man keine Lust hat.
Ja. Lieblosigkeit kann in dieser Situation verletzend sein. Die Zurückweisung tut deutlich weniger weh, wenn man dem anderen verständlich macht, dass man nicht ihn als Person ablehnt, sondern nur freiwilligen und lustvollen Sex mit ihm haben will, keinen anderen. Die meisten Männer und Frauen können so eine Erklärung ziemlich gut annehmen.

Aber die meisten Menschen haben doch Hemmungen!
Wenn Sie wirklich neugierig sind, werden Sie mit dem Fragen die besten Erfahrungen machen! Oft sind die Hemmungen stärker als die Neugier. Dann herrscht eben Stummheit zwischen Ihnen beiden, und Ihre gemeinsame Sexualität verliert mehr und mehr ihren Glanz. Sie wollen sich mit diesem Verlust nicht abfinden? Also liebäugeln Sie mit Ihrer Neugier und machen sie stärker als Ihre Hemmungen! Am einfachsten geht das, wenn Sie Ihrem Partner von Ihren Hemmungen erzählen, bevor Sie ihm die entscheidenden Fragen stellen. Er wird Sie auf Anhieb verstehen; denn er kennt sie auch, diese Hemmungen.

Ist das wirklich so einfach: Neugierig fragen und die Probleme im Bett sind gelöst?
Wer neugierig fragt, muss mit informativen Antworten rechnen! Wer neugierig ist, braucht zusätzlich empfangsbereite Ohren und ein offenes Herz. Herzoffenes Zuhören ist wahrscheinlich die soziale Fähigkeit, die für das Schicksal jeder Beziehung entscheidend ist. Und in der Sexualität hängt viel davon ab, ob sich beide für die sexuelle Identität des anderen interessieren, ob also beide hören wollen, wer der andere als Frau, als Mann ist. Die Ohren sind dabei erotisch so bedeutungsvoll, dass man sie ohne weiteres als primäres Geschlechtsorgan bezeichnen könnte.

In langjährigen Beziehungen schläft die Sexualität oft ein. Wie lässt sie sich wecken?
Es ist wie beim Banktresor: Er lässt sich nur mit zwei Schlüsseln öffnen. Meistens zeigen sich die sexuellen Schwierigkeiten so, dass der eine Lust hat und der andere nicht. Gewöhnlich machen sich die beiden gegenseitig verantwortlich für die eheliche Bettflaute. Das ist natürlich ziemlich unerotisch; kein Mensch wird erregt in einem Klima von Beschuldigung und Verteidigung. Für sexuelle Unlust sind immer beide zu gleichen Teilen zuständig. Für die Lust auch.
Es gibt mindestens 1000 Formen von Geschlechtsverkehr. Kreative Abwechslung versüsst und verschärft die Sexualität.
Sie schreiben, meistens gehe es einzig um die Frage, ob man Lust auf Sex habe oder nicht...
... als ob es nur eine einzige Form von Sexualität gäbe, nämlich den guten alten Geschlechtsverkehr! Der ist zwar wunderbar, auch alle anderen Säugetiere finden ihn attraktiv. Aber uns Menschen - insbesondere vielen Frauen! - wird er ziemlich schnell öde, wenn er immer so abläuft wie im Tierfilm. Der feste »Ablauf» verstopft eben leicht! (Lacht). Es gibt mindestens 1000 Formen von Geschlechtsverkehr! Kreative Abwechslung versüsst und verschärft die Sexualität, ja sie ist es, die ihr überhaupt eine Überlebenschance verschafft. Doch wie wollen Sie das machen? Sprachlos? Geht nicht!

Reden über Sex ist also lustvoll?
Das können sich viele Leute tatsächlich gar nicht vorstellen! «So lange der Sex läuft, braucht man nicht drüber zu reden. Und wenn er klemmt, macht Reden alles nur noch schlimmer.» Diese Stammtischweisheit ist nicht nur stumpf und resigniert; sie entspricht den traurigen Erfahrungen in vielen ehelichen Schlafgemächern. Für mich ist Reden über Sexualität kein peinliches Problem wälzen, sondern... (überlegt) sondern Mann und Frau entdecken gemeinsam ihre erotischen Berührungspunkte.
Neben der Gebärdensprache verfügen wir über das Wunder der Wortsprache, wenn wir einander nahe kommen.
Wie macht man das?
Beide haben ja ihre unterschiedlichen Bedürfnisse; beide sind Phantasie- und sprachbegabt. Und beide haben einander gern. Es ist also alles da, um miteinander immer wieder Neues zu entwickeln. In anderen Lebensbereichen machen sie das ganz selbstverständlich, zum Beispiel in der Gestaltung der Wochenenden und Ferien.

Und wenn ihnen gar nichts einfällt?
Es gibt genügend Anregung in der erotischen Literatur und in Fachbüchern. Schon das gemeinsame Stöbern und Schmökern in der Buchhandlung am Samstag über Mittag kann ein stimulierendes Erlebnis sein. Erst recht das Vorlesen!

Vorhin sagten Sie, es sei ungünstig, im Bett über Sex zu reden. Also doch lieber schweigen beim Sex, höchstens stöhnen?
Denken Sie an ein Konzert: Die Musikerinnen und Musiker werden niemals die Symphonie unterbrechen und mitten drin ihr Spiel analysieren, einander kritisieren oder Verbesserungsvorschläge diskutieren. Das tun sie erst nachdem Konzert. Jetzt machen sie Musik. Sie spielen aus Freude. Auch wenn's vielleicht nicht ganz perfekt ist.

Sex ist Musik?
Sex eher nicht, aber Sexualität! Menschliche Sexualität ist ein Spiel, das wir vertonen können. Ein Duett! Über die Gebärdensprache hinaus haben wir das Wunder der Wortsprache zur Verfügung, wenn wir einander nahe kommen. Da sind wir bewegt und erregt, vereint und ekstatisch manchmal, befriedigt und geborgen. All das möchte doch über unsere Lippen kommen, wie immer, wenn wir entzückt sind. Ausser wir hindern es dran, über die Lippen zu kommen. Aber dann ist man doch eigentlich ganz einsam. Zwei Einsame, die miteinander Sex machen...
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017