Dr. Klaus Heer

Name: Julia
Alter: 51
Beruf: Halbtags berufstätig als Kauffrau
Beziehung: Seit 24 Jahren liiert mit Mark, 49, Tierarzt
Kinder: Zwei
5. Oktober
Haben Sie Mark heute Morgen gesehen?
Ja, klar. Er hat mir den Kaffee ans Bett gebracht, wie jeden Morgen.
Täglich der Morgenkaffee ans Bett! Was für ein exquisiter Service!
Ja, schon – hier komme ich bereits ins Grübeln. Mark verwöhnt mich, auch indem er neuerdings sogar mit mir kuschelt, und zwar unanständig, auf meinen dringenden Wunsch! Wir sind im Moment dabei, im Bett neu zu starten. Nach über achtzehn Jahren Trockenheit forciere ich jetzt unsere Sexualität, und Mark taut allmählich auch auf. Begreift, dass er darf und soll.
Worüber sind Sie eben ins Sinnieren verfallen?
Praktisch alles, was wir als Paar zu unserem gemeinsamen Vergnügen unternehmen, muss ich in Gang bringen. Sonst läuft nichts. Von Mark kommen auch keine kleinen Aufmerksamkeiten wie mal ein SMS wie «Ich denke an dich, liebe dich!» oder so.
Und wenn Sie ihm ein liebevolles SMS schicken, kommt dann ein solches zurück?
Nein, nie. Sprache ist überhaupt nicht sein Medium. Er zeigt seine Zuneigung viel eher mit Taten.
Sie schreiben ihm, und zurück kommt nichts als Schweigen?
Rein gar nichts! Ich muss immer erst nachfragen, ob die Sachen überhaupt angekommen sind. Er ist kein Schreiber und kein Redner. Unsere Gespräche drehen sich fast ausschliesslich um die praktischen Dinge des Lebens. Selbst wenn in seinem Kollegenkreis Trennungen, Scheidungen oder Geburten vorkommen, ist das nicht erwähnenswert für ihn.
Wenn Sie – auf Ihre Initiative hin, versteht sich – in einem Restaurant dinieren, geht es «fast ausschliesslich um die praktischen Dinge des Lebens»?
Ja. Flirten und vieldeutiges Geplänkel müssen wir noch lernen. Marks erotische Fantasie ist gänzlich unterentwickelt. Wenn ich ihn nach seinen sexuellen Wünschen frage, hat er keine Ahnung.
Eine überströmende Frau wählt einen kargen Mann. Sie passen offensichtlich zusammen.
Ja, inzwischen vermute ich, dass ich bis vor kurzem Angst hatte vor Männern, und er immer Angst vor Frauen. Kommt dazu, dass ich mich Mark immer angepasst habe; ich war dabei immer unglücklich, bin aber nie auf den Gedanken gekommen, meine Situation in eigener Regie zu verändern. Fast zwei gemeinsame Jahrzehnte haben wir verbummelt, verpennt. Eigentlich hatte ich mir immer einen Partner gewünscht, der mich fördert und meine Fantasie, Kreativität, Beherztheit vorantreibt.
Und jetzt kommen Sie aus dem Busch.
Ja! Ich habe meine Lebensfreude wieder gefunden.
Jetzt möchten Sie, dass Mark mitspielt?
Er spielt mit, aber zu verhalten, zu sprachlos. Er verweigert mir innige Zungenküsse, das finde ich krank. Drüber reden will er auch nicht. Wenn ich ihn darauf anspreche, behauptet er, er küsse mich doch. Aber solche «Küsse» sind für mich ein Witz.
In letzter Zeit kommt vieles in Gang?
Er ist sicher guten Willens. Wir haben uns all die Jahre gnadenlos vernachlässigt, und darunter hat auch er sicher extrem gelitten. Wir haben nie drüber gesprochen. Nur aneinander vorbeigelebt.
Sie haben noch nicht aufgegeben, die intime Sprache zu finden? Das gebe ich nicht auf! Ich will, dass er mir endlich sagt, was er im Bett möchte. Wenn ich ihn oral «befriedige», merke ich, dass es ihm nicht gefällt. Was mache ich falsch? Das soll er mir sagen!
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6. Oktober
Wie muss ich mir Ihre Fights vorstellen?
Ich werde immer lauter. Mark immer leiser. Damit reizt er mich zur Weissglut, weil ich mich nicht ernst genommen fühle. Noch vor ein paar Jahren ist er jedes Mal mittendrin davongelaufen. Heute finden wir uns schneller. Das gefällt mir, aber Ursachenforschung betreiben wir nie.
Wie geht Versöhnung bei Ihnen?
Wir schmollen beide eine Stunde oder zwei, oder einen Nachmittag. Selten über Nacht. Dann kuschle ich mich an ihn, er nimmt das Angebot dankbar an, und alles ist wieder gut. Sex gibt's aber nicht. Früher war das ganz anders. Wir konnten uns tagelang wie Luft behandeln.
Gestern bedauerten Sie, dass die Kreativität bei Ihnen geschrumpft sei, weil Sie keinen Mann hätten, der Sie fördere. Ja, und?
Vermutlich haben Sie präzis den goldrichtigen Mann gewählt und behalten. Was der nicht alles bei Ihnen aktiviert!
Ja, es ist so! Trotzdem fehlt mir etwas. Ich rede seit langem mit Männern im Internet. Die wollen mich! Die interessieren sich für meine Gedanken, Träume, Fantasien. Wäre es nicht viel edler, wenn ich das innerhalb meiner vertrauensvollen Paarbeziehung finden könnte? Oder ist das ein unrealistischer Anspruch? Ausserdem glaube ich nicht, dass Mark bei mir etwas aktiviert. Das wächst alles auf meinem eigenen Mist!
Eben! Ihr Ureigenstes! Ein Glücksfall!
Was mir aber Bauchweh macht: Ich tue das heimlich, Mark weiss nichts davon. Natürlich auch nicht davon, dass ich ab und zu Männer real treffe. Mit diesem Doppelleben ist mir nicht wohl.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2017